(Spinefarm/ Caroline/ Universal)

Schwierige Zeiten erfordern wütende Alben. Und wer ist bitteschön besser geeignet, angestaute Wut und Frust in Sing-A-Longs umzuwandeln als die aus Pittsburgh stammenden Polit-Punks von ANTI-FLAG! Auf "American Spring" (2015) folgt nun "American Fall". Elf neue Songs, die den Rassismus, Sexismus, Stumpfsinn und gefährliche Stupidität eines Menschen anprangert, der aus unerklärlichen Gründen zum Präsidenten der Vereinigten Staaten ernannt worden ist. Selbstverständlich wird ein Punkrock-Album diesen Umstand kaum ändern können, aber die angesprochenen Themen werden hoffentlich genug Fans sensibilisieren, um bei der nächsten Wahl politisch aktiv zu werden, zu protestieren und ihre Meinung in die Welt hinauszutragen.

"American Fall" wurde überraschenderweise von Benji Madden (Good Charlotte) produziert, der dem Ganzen einen soliden Sound verpasst hat und ANTI-FLAG ein kleines Quäntchen Pop-Appeal mit auf den Weg gibt. Subjektiv betrachtet, kommt das Album fast schon etwas zu glatt rüber - es fehlen die Ecken und Kanten, an denen man sich reiben kann. So geht ein Minuspunkt in Richtung Produzentenwahl. Mal sehen was die Songs können.

'American Attraction' ist schonmal ein wunderbarer Mid-Tempo-Schunkler, der vielleicht musikalisch nicht sofort kickt, aber einen soliden Einstieg in das mittlerweile elfte Album bedeutet. 'The Criminals' folgt dem typischen ANTI-FLAG-Schema und gehört damit zu einem sicheren Live-Knaller. Wütende Strophen, die in einen sehr zugänglichen Refrain kulminieren. Das Händchen für starke Melodiebögen muss man den Jungs zugestehen, auch wenn manch einer die transportierte Message zu plakativ und abgedroschen findet. Ich persönlich finde Texte, die nicht zu verklausuliert sind, wichtiger, weil verständlicher (und auch mitgröhl-tauglicher, was für eine ANTI-FLAG-Show nicht ganz unwichtig ist). Jeder kann sich mit den Inhalten identifizieren, so lange man noch etwas Resthirn mit sich rumschleppt.

Ziemlich überraschend ist dann 'When The Walls Falls' ausgefallen - nach der letztmaligen Zusammenarbeit mit Tim Armstrong (Rancid) beim Song 'Brandenburg Gate', scheinen Justin Sane & Co. auf den Geschmack von einem catchy Ska-Beat gekommen zu sein. Etwas Rancid/ The Interrupters-Style ist abgefärbt, steht ANTI-FLAG aber sehr gut zu Gesicht. Die Tanzböden werden damit sicherlich gefüllt sein.

"Ohhh-Ohhh-Ohhh"-Chöre starten 'Trouble Follows Me' und kommen auch im Laufe des Songs durchgängig zum Zuge. Vielleicht etwas überbeansprucht - klar, das Lied bleibt sofort haften, aber die Gefahr der Übersättigung ist bei dem Song extrem hoch. Aber die ersten zwanzigmal isses geil! 🙂

Der zweite "Rancid-Song" ('Finished What We Started') ist ebenfalls sehr auf Eingängigkeit getrimmt, was man zunehmend dem oben genannten Produzenten in die Schuhe schieben kann. Wo sind die wütenden und kratzigen ANTI-FLAG? Aufgrund der Party-Tauglichkeit fast aller bisherigen Tracks, hätte man das Album vielleicht "American Summer" nennen sollen.

Das ungestüme und leicht vertrackte 'Digital Blackout' bringt die gestalterische Ernsthaftigkeit zurück. Der Gesang (teils Sprechparts) wirkt ungehalten - der Song löst sich zum Ende aber wieder im wohlbekannten Typus auf. 'I Came' kurz darauf wirkt leider etwas ziellos und fast schon emoesk (ich hatte das erste Moose Blood-Album als Bild vor mir).

'Racists' ist zum Glück wieder eine ANTI-FLAG-Nummer, die sofort sitzt und trotz der Thematik Spass macht. Fäuste in die Luft, angestaute Wut sammeln und seinen Frust laut heraussingen. Der Song erinnert mich an "The Terror State"-Großtaten und hat den Weg in Kopf und Herz sofort gefunden.

Und auch 'Throw It Away' und 'Casualty' sind feine Punkrock-Perlen, die so nur von ANTI-FLAG hingezaubert werden können.

Anti_Flag_Photo_by_Jake_Stark

Anti Flag Photo by Jake Stark

Der Fan kann sich auf ein typisches ANTI-FLAG-Album freuen, welches den Fokus wieder auf "Finger-in-die-Wunde"-Texte legt, untermalt mit durchgängiger Catchyness. Hittiger kann man ernsthaften Punkrock fast nicht zocken. "American Fall" ist eine sehr gute Platte, die in der Diskographie der Band im oberen Drittel anzusiedeln ist.

Album-VÖ: 03.11.2017