(ferryhouse/Warner)

Wenn ich mir die alten Playlisten meiner Indie-DJ Zeit so anschaue stelle ich fest, dass NIC CESTER während dieser guten alten Zeit ein treuer Begleiter war. Als Sänger von JET lieferte er mit Tracks wie 'Are You Gonna Be My Girl' oder 'Cold Hard Bitch' verlässliches Notfall Programm, falls die Party abzuflauen drohte. Nun veröffentlicht der Sänger mit der kraftvollen Rock’n’Roll-Reibeisen-Stimme sein Solo-Debüt.

Für die Uraufführungen der Songs von "Sugar Rush" hat CESTER geklotzt und nicht gekleckert. Im Vorprogramm von Kasabian und Paul Weller hat er erste Tracks dargeboten. Und für den finalen Schliff der Platte stand niemand geringeres als Jim Abbiss (Adele, Arctic Monkeys, Queens Of The Stone Age, Placebo) zur Verfügung. Und auch wenn der Weg von den Queens Of The Stone Age über die Arctic Monkeys hin zu Jet als sehr stimmig erscheint, so klingt "Sugar Rush" dann doch anders als man es erwartet. In erster Linie dürfte dies an der hochgelobten italienischen Begleitband Calibro 35 liegen, mit denen CESTER die Songs für das Album eingespielt hat. Und auch die Wahlheimat Comer See dürfte als Inspirationsquelle für den Songwriter gedient haben, wie man es an einigen Stellen des Albums hören kann. Zum Beispiel in der Vorabsingle 'Eyes On The Horizon'. Passend zum Italo-sommerlichen Sound hat man dem Track auch gleich ein weichgezeichnetes Video im Vintage-Look spendiert. Hätten Musikvideos heute noch eine Relevanz, wäre die Chance auf eine Heavy-Rotation im Musikfernsehen sicher keine schlechte. So müsst ihr euch selber bemühen und hier klicken:

CESTER äußert sich zu 'Eyes On The Horizon' folgendermaßen: „Sobald ich den Sound von diesem Song hörte – also die Drum Loops und die soulige Stimmung – war mir bewusst, dass das die Richtung ist, die ich einschlagen möchte. „Eyes On The Horizon“ gab mir den Impuls, an meinem neuen Projekt zu arbeiten“. Wer sich jetzt das Album in Erwartung an soulige Sommertracks zulegt, dem sei mit auf dem Weg gegeben, dass "Sugar Rush" auch andere Seiten zu bieten hat. Hauptverantwortlich dafür dürfte die bereits erwähnte Musikcombo Calibro 35 aka The Milano Electrica sein. Die italienische Band, welche sich normalerweise auf das Erschaffen von fiktiven Soundtracks konzentriert, wird in vielen Tracks zum Main-Actor, wie man im Stück 'Psichebello' hören kann. Der Track wandelt sich in der zweiten Songhälfte zu einem psychedelischen Jazzmonster in welchem sich die Musiker von Calibro 35 mal völlig austoben können. Und auch der Opener und Titeltrack dürfte von den Soundtrackmusikern maßgeblich beeinflusst worden sein. Klarer Anwärter für einen Soundtrackbeitrag im nächsten Tarantino Film.

Die Fixpunkte auf "Sugar Rush" sind aber noch ganz andere Stücke. In den Momenten wo sich CESTER völlig aus seiner musikalischen Vita löst und noch eine Spur experimentierfreudiger zu Werke geht, sprich auch den elektronischen Schnick Schnack Einzug halten lässt, dann hat "Sugar Rush" überraschenderweise seine besten Momente. Die Songs 'Strange Dreams', 'Who You Think You Are' und 'Walk On' brauchen sich hinter Indietronic Genrekollegen wie Tame Impala oder MGMT beileibe nicht zu verstecken.

Als Fazit lässt sich formulieren, dass es CESTER auf "Sugar Rush" gelingt sich vom Sound seiner Hauptband zu emanzipieren. Viele gute und wenige herausragende Momente erwecken jedoch den Eindruck, dass Produzent Abbiss den guten Nic nochmal ins Studio hätte schicken sollen, denn über die komplette Albumlänge funktioniert es noch nicht hundertprozentig mit dem Solo-Ding.

Der Song für die Playlist/das Mixtape: 'Strange Dreams'

Album-VÖ: 03.11.2017