(Mascot Label Group/ Rough Trade)

Normalerweise schätze ich mich als musikaffiner Mensch ein, der neben den obligatorischen Big-Sellern der von uns favorisierten Genres auch die ein oder andere Band aus der zweiten Reihe kennt und sich gerne mit Newcomern beschäftigt. Nun muss ich gestehen, dass mir der Name 10 YEARS bisher nichts sagte, ich aber nach kurzer Recherche feststellte, dass diese schon seit 18 Jahren in der Sparte des Alternative-Progressive-Metal unterwegs ist. Die überraschend vielen positiven Kritiken zu den vergangenen sieben Alben, lässt die Vermutung in mir wachsen, dass ich hier vielleicht etwas verschlafen habe.

Da es im Redaktionsteam die Meinung gibt, dass 10 YEARS qualitativ eine andere Liga spielen, als die üblichen Verdächtigen, die sonst aus Nordamerika angeschwemmt  werden, versuche ich mich in das neue Album "(How To Live) As Ghosts" einzufühlen und versuche zu erforschen, was das Besondere am Alternative-Rock des Fünfers ist.

Sympathischerweise beginnt das Album ohne überflüssiges Intro-Gedudel und legt mit 'The Messenger' sofort los. Und ich muss schon nach wenigen Sekunden Gesang von Jesse Hasek konstatieren, dass hier Alleinstellungsmerkmal Nr.1 auszumachen ist. Auch der Wille, Kompositionen zu erschaffen, die jenseits des normativen Verständnisses des durchschnittlichen Hörers liegen, ist bereits beim Eröffnungssong zu erkennen. Der nachfolgende Track 'Novacaine' besitzt mehr Durchschlagskraft und kommt zügig auf den Punkt. Sehr guter Rock-Song, der wiederum v.a. aufgrund des Gesangs heraussticht - ich muss an einen stimmlichen Mix von Richard Patrick (Filter) und Simon Neil (Biffy Clyro) denken, was eine außergewöhnliche Klangfarbe zur Folge hat.

Nachdem die ersten Songs relativ straight durchliefen, kommt mit 'Catacombs' zum ersten Mal sowas wie Progressivität ins Spiel. Progressiv ist es für viele meistens dann, wenn "normale" Strukturen aufgebrochen werden, um Dynamiken zu erschaffen, die ein Lied erstmal nicht sofort greifbar machen. Es werden Techniken angewandt, die den Zuhörer fordern und auffordern, sich mit Songs zu beschäftigen. Wenn der Zugang aber gefunden wurde, ist die Erfahrung den Song verstanden zu haben umso nachhaltiger.

10 YEARS werden gerne mit den Bands von Maynard James Keenan (v.a. Tool, A Perfect Circle) verglichen, sind meiner Meinung nach aber eher im Dunstkreis von Breaking Benjamin oder Three Days Grace einzuordnen, wobei der Fünfer aus Knoxville/ Tennessee nicht den Fehler macht in peinliche Post-Grunge-Gefilde der Marke Puddle Of Mudd abzudriften. Sie bleiben auf "(How To Live) As Ghosts" konsequent bei sich und ihrer Interpretation von spannenden Alternative-Rock.

Hört euch Songs wie 'Vampires' oder 'Ghosts' an und seid (wie ich) erstaunt über die Eleganz, die 10 YEARS in den massiven Rock-Ungetümen transportieren können. Auch wenn der bisherige Rezensionstext einem Loblied gleich kommt, muss ich anmerken, dass mir auch nicht alles auf dem Album gefällt, wobei ich nicht konkret benennen kann, welche Parts hinten rüberfallen. Es sind Nuancen, die mich zwischendurch genervt haben, aber die ich nicht zu packen bekommen habe.

10_Years_Photo_by_Eric_Branch

10 Years Photo by Eric Branch

Deshalb fällt es mir auch schwer "(How To Live) As Ghosts" mehr als 5 Blitze zu geben. Aber 10 YEARS haben mich so sehr gepackt, dass ich mich demnächst mit der Diskographie der Jungs näher beschäftigen werde.

Album-VÖ: 27.10.2017