(Unter Schafen/Alive)

Man reibt sich verwundert die Augen. 2017 und es gibt ANGELIKA EXPRESS noch? Muss wohl eine verzweifelte Comback Scheibe in der Midlife-Krise sein. Aber falsch gedacht. Zum einen hat Sänger Robert Drakogiannakis das Midlife-Alter bereits überschritten und die Band macht bereits seit 2008 wieder Musik. Zum anderen bewegte sich die Band dabei erfolgreich unter dem Radar, stürmte weder die Radios, noch nervte man mit Dauerpräsenz auf deutschen Festivals. Mit "Letzte Kraft Voraus" ist nun der achte (!!!) Longplayer verfügbar, welcher nach den ersten Hördurchgängen durchaus an die Debüt-Platte von 2002 erinnert und dennoch genug Frische mit sich bringt.

Wenn man sein Album "Letzte Kraft voraus" betitetelt, dann muss man mit der Frage nach der Bandauflösung klar kommen. Bandleader Robert Drakogiannakis verweigert grinsend die Antwort, holt stattdessen weiter aus. "Mir ist aufgefallen, dass immer mehr Leute permanent auf dem Zahnfleisch gehen, so ein diffuser Ausnahmezustand als Normalzustand in Beruf, Beziehung, Politik. Das kann nicht ewig weitergehen. Die Dinge steuern auf einen Nullpunkt zu, darüber will ich singen."

Das Grundthema ist damit umrissen. Aufbruch, Ausbruch, Rebellion. „Komm mach dich frei!“ wie es im wunderbaren Opener 'Geh gegen den Rhythmus' aus den Boxen schallt und hallt. Und auch die Vorabsingle 'Letzte Kraft Voraus' rechnet mit dem tristen Job und Alltag ab. Musikalisch rumpeln die Gitarren und Mitstampfbeats. Die Melodien gehen ins Ohr und lyrisch fühlt man sich an den Abgesang des Kapitalismus eines Peter Lichts erinnert. Das diese Abrechnung ausgerechnet von einer Band vorgenommen wird, welche vor einigen Jahren Anteilsscheine für einen ihrer Longplayer unter die Fans brachte, kann man jetzt gut oder eben scheiße finden. Gründe zum gut finden liefern ANGELIKA EXPRESS auf "Letzte Kraft Voraus" jedoch einige. Neben den bereits angesprochenen Tracks, sind es vor allem die Songs mit Features die im Ohr hängen bleiben.

Bei 'Vinylbeton' gibt sich niemand geringeres als LOVE As Jörkk Mechenbier die Ehre, in 'Agenten' schaut Frank Spilker von Die Sterne für einige existentialistische Zeilen um die Ecke und in "Am letzten Donnerstag im Mai" lässt Suzie Kerstgens von Klee die Sonne aufgehen.

Insgesamt versammeln ANGELIKA EXPRESS 15 Tracks auf ihrem neuen Album und benötigen dafür weniger Zeit als eine Fußball-Halbzeit. Total Ausfälle gibt es nicht zu verzeichnen, bisweilen kann der an den Tag gelegte Sarkasmus jedoch auch mal ermüdend wirken. Dennoch würde ich sagen, dass
"Letzte Kraft Voraus" ein durchaus gelungenes Album ist. Es fragt sich nur, wer es hören wird? Bereits die letzten Jahre tat sich die Band schwer ein Publikum zu finden und die letzten getreuen Gefährten aus den Indiediscos um 2002 könnten dem deutschsprachigen Indiepoprock von ANGELIKA EXPRESS inzwischen entwachsen sein.

Der Song für die Playlist/das Mixtape: "Am letzten Donnerstag im Mai"

Album-VÖ: 17.11.2017