(Dynamit Records/ Broken Silence)

RADIO HAVANNA haben sich mittlerweile einen Status erarbeitet, der durchaus beeindrucken darf. Sie haben es geschafft als ernsthafte Punkrock-Band wahrgenommen zu werden, die sich politisch engagiert, jede Menge Aktionen gegen das rechte Spektrum unserer Gesellschaft initiiert und unangenehme, wichtige Fragen stellt - dabei aber stets sympathisch und zugänglich bleibt (Gegenbeispiel wäre ZSK - aber das nur am Rande). Dass ihre Musik neben dem Punkrock-Aspekt einen gewissen Pop-Appeal hat, schadet der Popularität natürlich auch nicht.

Das sechste Album des Quartetts hört auf den Namen "Utopia" und möchte mit deutlichen (wahlweise auch ironischen) Texten und einer gewissen Hymnenhaftigkeit ihre Fans für den politischen und sozialen Irrsinn sensibilisieren, aber dennoch für genug Spass sorgen, damit man nach dem positiven Durchdrehen den Weg zur nächsten Demo mit einem Lächeln beginnt.

Ein enormes Wiedererkennungsmerkmal ist ja der crunchy Gesang von Frontmann Christian "Fichte" Fichtner, der gleich im Eröffnungssong 'Utopia' für einen wohligen Rückenschauer sorgt. Dazu überzeugt der Midtempo-Song mit tollem Refrain und klug gesetzten "Heys". Die Energie ist quasi mit Händen zu fassen. Man merkt förmlich wie RADIO HAVANNA, trotz Wut im Bauch, versuchen, ihre Positivität in Kompositionen zu kleiden, die Zuversicht und Hoffnung ausdrücken sollen.

'Früher oder Späti' zeigt die Jungs in ihrem Element - ein knackig nach vorne gehender Punkrocker, der ohne viel Firlefanz einfach Spass macht und für die ein oder andere Tanzeinlage bei der anstehenden Tour sorgen wird. Schon nach dem ersten Hören bleibt die Melodie in meinem Kopf und sorgt für notwendige Endorphin-Ausschüttung.

Der nachfolgende Track 'Faust Hoch' formuliert dann auch offensiv die Fassungslosigkeit über die jüngste politische Entwicklung der letzten paar Jahre. Musikalisch geht das in Richtung des Donots-Vehikels "Karacho". Natürlich ist der Refrain der Höhepunkt auf den in der populären Musik hingearbeitet wird, aber hier lohnt es auch mal, die Aufmerksamkeit den Strophen zu schenken. Der Mix aus Ernsthaftigkeit und Feierei ist ein schmaler Grad, der gerne mal (ungewollt) ins Peinliche driften kann - RADIO HAVANNA scheinen aber die Formel gefunden zu haben, ihre wichtigen und richtigen Worte unprätentiös in Musik zu kleiden, die unaufdringlich ist, aber gerade deswegen immens Bock macht.

'Anti Alles' ist sehr poppig - hat aber trotzdem genug Gitarren am Start, dass man sich nicht schämen muss, den Song toll zu finden. Dann folgt der offensiv betitelte Track 'Homophobes Arschloch' - und man bekommt, was man erwartet = "Schrei nach Liebe 2.0" 🙂

Ich kann mir nicht helfen, aber ganz oft kommen mir Referenzen wie The Wohlstandskinder oder alte Schrottgrenze in den Sinn, wenn ich die Verbindung von catchy Melodien und einem leicht ironischen Unterton höre ('Hinter Mir', 'Schwarzfahrer'). Dennoch bleibt die Message eindeutig...und das ist auch gut so. RADIO HAVANNA haben mit "Utopia" ihren eigenen Status Quo auf ein neues Level gehoben und sind sich ihres Einflusses ihren Fans gegenüber sehr bewusst. Vielleicht kann die Quintessenz des Albums folgendermaßen lauten: Keiner wird zu irgendwas gezwungen, außer über sein Verhalten und das von anderen zu reflektieren und Entscheidungen zu treffen, die die Welt vielleicht ein klein wenig besser macht.

Radio_Havanna_Photo_by_Viktor_Schanz

Radio Havanna Photo by Viktor Schanz

"Utopia" schafft mühelos den Spagat zwischen Punkrock und einer unpeinlichen Zugänglichkeit, die sich jeder Anbiederung entzieht. Wer Songs wie 'Mein Name Ist Mensch' oder den Rausschmeisser 'Phönix' hört, wird RADIO HAVANNA endlich als das akzeptieren müssen, was sie seit einigen Jahren sind: Eine der versiertesten Punkrock-Bands des Landes, die politisch und gesellschaftlich klug argumentieren können und Musik erschaffen, die den schmalen Grat zum Mainstream berührt, aber nie übertritt.

Album-VÖ: 12.01.2018