(Earache/ Warner)

Kennt ihr diese Situationen, wo ihr Musik hört, die eigentlich völlig belanglos vor sich hindudelt, aber ihr genau in diesem Augenblick denkt, was ein großartiger Song das sei? Diese Art Musik, die einem kaum etwas abverlangt, sondern schlicht vor sich hin rockt - irgendwie nach dem Baukastenprinzip konzipiert, dennoch sehr angenehm und leidlich unterhaltsam. Mir fallen als Beispiele für dieses Phänomen immer Matchbox 20, Third Eye Blind und Konsorten ein.

Dieser kurze Abriss soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kanadier THE GLORIOUS SONS auf ihrem zweiten Album "Young Beauties And Fools" (welches übrigens schon seit Mitte Oktober letzten Jahres in Nordamerika erhältlich ist) durchaus überraschende Momente zu bieten haben. Wenn ich sie eine Schublade stecken müsste, würde ich das Fach "Alternative-Rock/ College-Rock" wählen und den Hinweis geben, dass das stellenweise auch radiotauglich ist.

Der Einsteiger 'My Poor Heart' beispielsweise ist ein wunderbarer Midtempo-Rocker, der zwar ein langweiliges Intro auffährt, aber dann Fahrt aufnimmt. Sänger Brett Emmons hat zudem eine sehr schöne Klangfarbe, was ein weiterer Pluspunkt von THE GLORIOUS SONS ist. 'Josie' im Anschluß verliert sich leider in allzu seichtem Pop-Mainstream. Und das nachfolgende 'Everything Is Alright' versucht sich am Thirty Seconds To Mars-Prinzip, eine nette Idee mit alles umarmenden Chören und etwas Bombast aufzuwerten. Funktioniert auch ganz gut, man summt die Melodie zumindest unterbewusst mit.

Bei elektronischen Synthesizer-Beats, die nach schlechter 80er-Kopie klingen, sträubt sich alles bei mir - das durfte vor drei Dekaden benutzt werden, ist jetzt aber ein Frevel - 'Come Down' sounded nach einem Mix aus Bryan Adams (Mutt Lange-Phase) und Simple Minds (Breakfast Club-Phase). Nee, Jungs, lasst mal!

In vereinzelten Momenten kriegen THE GLORIOUS SONS die Kurve, wie z.B. bei 'Godless, Graceless und Young', wo zumindest ein leichtes The Strokes-Klangbild erzeugt wird. Aber im Laufe des Albums passiert leider immer weniger Überraschendes. 'My Blood' oder 'Sawed Off Shotgun' sind okay und würde ich nicht ausmachen, wenn sie bei NDR 2 im Nachmittagsprogramm laufen. Aber ich ob ich nun Sunrise Avenue, Reamon oder halt THE GLORIOUS SONS egal finde, spielt auch keine Rolle mehr. Irgendwann ist der Punkt erreicht, dass man dem Quintett nur zustimmen kann, wenn es beim letzten Song 'Thank You For Saying Goodbye' heißt - wobei ich ein Wiedersehen von meiner Seite ausschliessen möchte.

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The Glorious Sons Photo by Vanessa Heins

Ein paar nette Ideen reichen halt nicht aus, um in der unübersichtlichen Flut von Rock-Alben jeglicher Couleur positiv aufzufallen. "Young Beauties And Fools" ist eher so mittelgut, um es euphemistisch auszudrücken. THE GLORIOUS SONS werden auf europäischen Boden vermutlich kein Fuß auf den Boden kriegen, dafür ist ihr vorliegendes Album leider zu banal.

Album-VÖ: 23.02.2018