JENNIFER WARNES kann heute auf eine lange Karriere – oder um genau zu sein: gleich auf mehrere - zurückblicken. So wird mancher Connaisseur sie für ihre Soloarbeit oder für ihre langjährige Zusammenarbeit mit Singer-Songwriter-Gigant Leonard Cohen kennen, dessen musikalische Weggefährtin sie von den frühen 70er Jahren bis zu seinem 2012er Album "Old Ideas" war. Einem wesentlich breiteren Publikum dürfte sie aber durch ihre Beiträge zu etlichen Filmmusiken bekannt sein, die ihr einst hohe Chartplatzierungen und jede Menge Preise einbrachten. Ihren ersten Academy Award gewann WARNES bereits 1979, bevor sie 1982 zusammen mit Joe Cocker Oscar Nummer zwei sowie einen Golden Globe für 'Up Where We Belong' vom „Ein Offizier und Gentleman“-Soundtrack einheimste.

1987 schaffte sie es dann, sich an der Seite von Righteous Brother Bill Medley mit '(I've Had) The Time of My Life' in das kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation zu singen. Während Dirty Dancing die Welt um die beiden unsterblichen Zitate „Mein Baby gehört zu mir“ und „Ich habe eine Wassermelone getragen“ bereicherte, brachte er JENNIFER WARNES nicht nur ihre zweite Nummer 1 in den Billboard Hot 100 sondern auch das Triple aus Grammy, Golden Globe und Oscar (Nr. 3) ein.
Ab den 90er Jahren wurde es dann ruhiger um die Sängerin. Nach der Veröffentlichung ihres 2001er Albums "The Well" fiel es ihr immer schwerer, in einer Musikindustrie, die sich in einer massiven Umbruch- und Konsolidierungsphase befand, wieder Fuß zu fassen. In den letzten Jahren musste sie dann binnen kurzer Zeit mehrere Todesfälle mehrerer Familienmitglieder und ihres Managers verkraften. Im November 2016 verstarb dann schließlich auch ihr langjähriger musikalischer Wegbegleiter Leonard Cohen.

Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb stürzte 71-Jährige sich in die Arbeit für ihr erstes Album seit 17 Jahren. Das Ergebnis "Another Time, Another Place" erscheint dieser Tage und wartet mit einer Zusammenstellung von zehn Songs auf – die meisten davon Coverversionen. Genau genommen stammt mit 'The Boys And Me' nur ein einziger Song aus der Feder der Sängerin selbst. Darüber besteht hier allerdings kein Grund zur Beschwerde. Zum einen war JENNIFER WARNES schon immer mehr Interpretin als Songschreiberin. Zum anderen ist es eben auch eine Kunst, fremden Songs den eigenen Stempel aufzudrücken – und diese Kunst beherrscht sie meisterhaft. Darüber hinaus zeigt auch die Songauswahl, dass es WARNES nicht auf billige Effekthascherei ankommt. Megahits sucht man auf "Another Time, Another Place" vergebens. Die Tracklist ist eher eine Parade der Hidden Champions.

Umgesetzt wird das alles von einer Allstar-Riege an Studiomusikern. Angeleitet von Produzent Roscoe Beck, der schon für Leonard Cohen als Musikalischer Direktor fungierte.

Eröffnet wird "Another Time, Another Place" mit dem geradezu programmatischen 'Just Breathe' vom 2009er Pearl Jam Album "Backspacer", das einen guten Vorgeschmack auf das Folgende gibt.

Unter WARNES Stimme breitet sich ein wohliger Klangteppich aus, der nach einem sehr erwachsenen und äußerst entspanntem Popsound klingt, der seine Folk-Wurzeln nicht vergessen hat. Im zweiten Track 'Tomorrow Night' kommt dann noch ganz viel Blues dazu. Spätestens bei WARNES Interpretation von Mickey Newburys 'So Sad' erhebt auch der Country deutlich seine Stimme. 'I am The Big Easy' beginnt mit einer Gesangslinie, die sehr an die ersten Zeilen au Springsteens 'Used Cars' erinnert. Eine Huldigung von New Orleans und seinem Südstaaten Sound.

In ihrer Eigenkomposition 'The Boys And Me' erinnert sich JENNIFER WARNES schließlich an die Zeiten auf Tour. Mit Mark Knopflers 'Why Worry' – einem Ruhepohl auf dem Dire Straits Millionseller "Brothers In Arms" - klingt "Another Time, Another Place" absolut passend aus.

Es ist fast schon schade, dass dieses Album Ende Mai und nicht in der kalten Jahreszeit veröffentlicht wird. Schließlich liefert es den perfekten Soundtrack für lange Winterabende vorm Kamin.

Album-VÖ: 24.05.2018