(BMG/ Warner Music)

ALICE IN CHAINS! Die Prototypen des Grunge, die aber musikalisch immer hervorstachen und thematisch keine Kompromisse zugelassen haben. 'Man In The Box' und 'Sea Of Sorrow' (Album "Facelift") haben mich vor 28 Jahren komplett umgeblasen und faszinieren mich noch immer. Als zwei Jahre später das Meisterwerk "Dirt" (inkl. so Großartigkeiten wie 'Would?', 'Down In A Hole' oder 'Junkhead') erschien, war klar, dass ich ALICE IN CHAINS verfallen bin. Nach dem gleichnamigen dritten Album, geschah das Unfassbare: Sänger und Aushängeschild Layne Staley wurde tot aufgefunden. Klar, dass ein notwendiger Cut in der Bandgeschichte unausweichlich war. Nach einigen Jahren wurde dann William DuVall als neuer Sänger vorgestellt und entpuppte sich als richtige Wahl. Das Schaffen von Staley wurde respektvoll behandelt und kongenial weitergeführt. Durch die ähnliche Stimmfärbung von DuVall/Staley ist es möglich gewesen, die Fans weiterhin an sich zu binden und neue Alben aufzunehmen, ohne den Charakter von ALICE IN CHAINS zu verändern. Natürlich hat DuVall sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt und seine Präsenz in den Dienst der Band gestellt - nun ist es mit dem neuen Album "Rainier Fog" soweit, dass die "neuen" ALICE IN CHAINS erstens länger existieren, als die fruchtbare Zeit mit Layne Staley andauerte und ihr ebenfalls drittes Studioalbum veröffentlichen. Nach diesem kurzen Abriss der Bandhistorie, kommen wir zur Kritik zu "Rainier Fog":

Den Beginn stellt 'The One You Know' dar, der rhythmisch kompakt mit leichten Dissonanzen startet und durch das verschleppte Tempo, eines der Markenzeichen von ALICE IN CHAINS, sofort präsent ist. Dazu der gewohnt melancholisch-fordernde Gesang von Jerry Cantrell, der im Refrain dieses alles umarmende Element hat. Fantastischer Start, der mit dem Titeltrack im direkten Anschluss qualitativ hochwertig fortgeführt wird. Für AIC-Verhältnisse ein straighter Rocker, der natürlich alle Merkmale der Grunge-Ikonen aufweist - diese unfassbar präzisen Gitarren, die den Song den notwendigen Punch mitgeben. Dann überrascht der Mittelteil mit ruhigen Momenten, wobei sich der Song dann wieder sukzessiv hochschraubt und perfekt rockend beendet wird.

'Red Giant' ist typisch für die Band aus Seattle - erneut mit angezogener Handbremse, was aber soviel Energie erzeugt, dass man sich quasi in einem Sog befindet, aus dem man sich nur schwer befreien kann (und will). 'Fly' ist einer dieser Tracks, der damals auch gut auf die EP "Sap" gepasst hätte - halbakustisch und so verdammt smart. Bekomme Gänsehaut, nur weil ich das hier schreibe.

ALICE IN CHAINS muss sich keinerlei Vergleich gefallen lassen, sondern sind ihre eigene Referenz. Das leicht progressive 'Drone' symbolisiert ziemlich klar, was die Jungs seit fast 30 Jahren so faszinierend macht. Jede Sekunde ist durchdacht und das Entdecken von immer neuen Nuancen ist eines der Geheimnisse der Einmaligkeit dieser Band. Die sechseinhalb Minuten vergehen wie im Flug, obwohl der Song eher Zeitlupe ist.

'Maybe', 'So Far Under' und 'Deaf Ears Blind Eyes' sind ebenfalls wahre Schätze und werden auch beim 123. Hördurchlauf nicht langweilig werden. 'Never Fade' ist eine kleine Überraschung, da ALICE IN CHAINS selten so straight geklungen haben (vielleicht noch am ehesten beim Debüt "Facelift"). Ziemlich cooler Rocker, der einen sogar kurzzeitig das Tanzbein zucken lässt. Natürlich ist das kein Party-Track, aber Spass macht er trotzdem.

'All I Am' beendet "Rainier Fog" standesgemäß mit einem über siebenminütigen designierten Klassiker, der ALICE IN CHAINS komplett repräsentiert und so unfassbar bewegend, emotional, wütend, melancholisch und klar definiert ist, dass man jede Sekunde aufsaugen möchte.

Alice_In_Chains_Photo_by_Pamela_Littky

Alice In Chains Photo by Pamela Littky

Fazit als Fan: "Rainier Fog" ist ein verdammtes Meisterwerk, welches die ohnehin bemerkenswerte Diskographie von ALICE IN CHAINS nochmals immens aufwertet. Der Sommer darf gehen, es wird Zeit für die dunkle Jahreszeit, für die AIC den optimalen Soundtrack liefern.

Fazit als neutraler Rezensent: Siehe Fan-Fazit! 🙂

Album-VÖ: 24.08.2018