(Vicious Circle/Cargo Records)

Ohne anderen französischen Künstlern auf den Schlips treten zu wollen: LYSISTRATA müssen die derzeit spannendste Band aus Frankreich sein. Anders geht es gar nicht.

Das LYSISTRATA Debüt "The Thread" hat schon ein paar Tage auf dem Buckel, erscheint aber erst jetzt offiziell in Deutschland. Endlich! Denn bereits mit dem ersten Hördurchgang fegt einen der Sound, die Wucht und die Spontanität der Band völlig weg. Der Stil der Franzosen ist ein gelungenes 1000 Teile Puzzle aus Noiserock, Post-Hardcore, Math-Rock und Post-Rock. Sozusagen "Post-Everything". Ebenfalls beeindruckend, die Band hat ihr Album, trotz der Komplexität der Songs, live mit ihrem Live-Sound Techniker Michel Toledo aufgenommen. Chapeau!

"The Thread" vereint zwar lediglich sieben Tracks, welche allerdings keine Angst vor Überlänge haben und somit eine gute Dreiviertelstunde füllen. Der Einstig in dieses unscheinbare Meisterwerk verläuft zunächst recht unverdächtig. 'The Thread' startet mit einem 70 sekündigen Instrumentalteil, dann setzt der Gesang von Gitarrist und Sänger Théo Guéneau ein: „I’ve got my head in a knot again“. Kein Wunder bei solch vertrackten Songstrukturen die LYSISTRATA hier präsentieren. Das ganze klingt dann aber nicht wie ein gordischer Knoten, sondern wird Song für Song fein säuberlich aufgelöst. Dafür braucht man mit 'The Thread' und dem sich anschließenden 'Asylum' jeweils knappe drei Minuten. Dennoch gelingt es der Band bereits hier Emo, Punk, Postrock, Progrock, Alternative und Indieelemente gekonnt miteinander verschmelzen zu lassen. Erstaunlich bei solch einem wilden Ritt durch alle Genres, bei LYSISTRATA geht dies nicht auf Kosten der Eingängigkeit, wie bereits die Demoversion von 'Asylum' bewiesen hat:

Die Albumversion des Tracks ist nicht weit von ihrer Ursprungsfassung entfernt, glänzt aber mit einem etwas prägnanter ausgearbeiteten Sound. Wer jetzt noch mit den Achseln zuckt und sich fragt, was ist denn jetzt das Besondere an dieser Band, der dürfte spätestens mit 'Answer Machine' vom Größenwahn der Franzosen überrollt werden. Ab jetzt brechen die Tracks aus gewohnten Strukturen aus und gehen gerne mal in die Verlängerung. Welche Energie die Jungs dabei freisetzen können, beweist dieses Live-Video von der Record Release Party, welches den 8-Minüter 'Answer Machine' enthält:

Trotz Überlänge verlieren die jungen Musiker niemals den Überblick. Schlagen Haken zur rechten Zeit, nehmen mal das Tempo raus oder drücken vehement auf das Gaspedal. Nachzuhören in 'Reconciliation' oder dem hier wiederveröffentlichten, allerdings auch stärker ausgearbeiteten, 'Sugar & Anxiety', welcher bereits die 2017er EP Veröffentlichung "Pale Blue Skin“ abschloss.

Mit 'Dawn' gönnt sich die Band ein 90 sekündiges Interlude, bevor sie mit 'The Boy Who Stood Above The Earth' nochmals alle Register ziehen. Eingeleitet mit Interviewausschnitten des US-amerikanischen Professors und Autor Joseph Campbell, welcher sich dem Gebiet der Mythologie widmete, kreieren die Franzosen hier einen zwölf Minüter der alle Referenzbands aus der Pressemitteilung in sich vereint: „Wird über Lysistrata geschrieben, dann oft in schmeichelnden Vergleichen á la klingt wie At The Drive In / Refused / Battles / Foals / Explosions In The Sky / Sonic Youth". Doch bei allen Querverweisen erschaffen LYSISTRATA stets so originelle Stimmungsbilder, das man keine Plagiatsvorwürfe erheben müsste.

Auch live verspricht die Band ein Erlebnis zu sein. Ein Besuch bei einem der folgenden Gigs dürfte somit ein Pflichttermin sein:

Lysistrata - Live 2018
präsentiert von stageload.de, MinutenMusik & Igittbaby.de

18.09. Bremen, Lagerhaus
19.09. Dortmund, FZW
20.09. Hamburg, Reeperbahn Festival
21.09. Berlin, Musik & Frieden (Festival)
24.10. Hannover, Lux
25.10. Düsseldorf, New Fall Festival

Der Song für die Playlist/das Mixtape: 'The Boy Who Stood Above The Earth'

Album-VÖ: 07.09.2018