Auch wenn sich die Gestromt-Leser der ersten Stunde wundern, lasst euch gesagt sein, JORIS gehört zu den Lichtblicken der immer noch stark wachsenden Deutschpop-Blase. Zwischen Giesinger, Bourani, Foster, Clueso oder Conner, ragt der junge Ostwestfale nicht nur aufgrund seiner Echo-Erfolge heraus. Seine Musik ist immer noch ein Schritt näher am Indietum, als es die genannten Verdächtigen jemals hinbekommen werden. Und da der Junge auch live einen verhältnismaßigen Abriß veranstalten kann, ist es eben kein Zufall, dass JORIS mit seiner Band inzwischen auch Festivals wie Hurricane, Deichbrand oder Highfield bespielt.

Der Gig in Bielefeld gehörte zu seiner „Schrei Es Raus“-Tour 2018 und stellte für den gebürtigen Niedersachsen fast so etwas wie sein Homecoming-Konzert dar. So verteilte er fleißig „Grüße nach Vlotho“, seine eigentliche Heimatstadt in knapp dreißig Autominuten Entfernung, und gab auch einige Annekdoten aus den Anfängen seiner Karriere zum besten. Bevor das Publikum jedoch mit JORIS in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen durfte, bekam man an diesem Abend zunächst LOTTE als Support.

Der jungen Ravensburger Songschreiberin attestierten wir bereits beim Bielefelder Campus Festival 2017 eine äußerst sympathische Art. Trat sie damals in Band-Stärke an und erinnert mit ihren Songs an einen weiblichen Aki Bosse, musste man sich heute mit der Acoustic Variante von LOTTE begnügen. Charlotte Rezbach, wie LOTTE mit bürgerlichen Namen heißt, wurde an diesem Abend lediglich von ihrem E-Gitarristen unterstützt, während sie selbst die Akkustik-Klampfe zupfte. Das Anheizprogramm bestand aus der Standard halben Stunde und brachte das Publikum beim letzten Song ('Pauken') dann sogar zum mitklatschen. Werbung in eigener Sache kann für LOTTE als gelungen verbucht werden.

Das Set von JORIS begann zunächst mit einer völlig im dunkeln gelassenen Bühne. Als Opener wurde 'Magneten' gewählt, welcher der mit völliger Spielfreude ausgestatteten Band genug Raum zur Entfaltung gab. Und genau da liegt die Stärke von JORIS und Band. Man glaubt diesen fünf Jungs auf der Bühen nicht nur jedes Wort, man nimmt ihnen einfach ab, dass sie Bock haben auf das was sie da machen. Und dieser Bock scheint unbändig. Die teils auf radiolänge getrimmten Songs entwickeln sich auf der Bühne zu wahren Live-Monstern. Und zwar dermaßen, dass es die Band schafft mit lediglich 16 Stücken eine zwei Stunden Show hinzulegen.

Neben der musikalisch perefkt eingespielten Band gibt es an diesem Abend auch eine perfekt arrangierte Lightshow, welche auch das Zusehen zu einem Genuß macht. Das es dem Perfektionisten JORIS dabei gelingt, dem Konzert einen stimmigen Spannungsbogen zu verleihen, steht ohnehin außer Frage. Der Bandleader geht an diesem Abend so in seinem Tun auf, dass er an einigen Stellen den Tränen nahe ist. Neben den bewegenden Momenten gibt es aber auch allerhand Feel-Good-Momente. Zum Beispiel als in der Mitte des Sets gemeinsam mit LOTTE der Track 'Wer Wir Geworden Sind' gecovert wird, der gute Laune Hit 'Du' mit Spaziergang durchs Publikum, das gefühlvolle 'Schnee' gespielt auf einer Stage im Publikum und die Präsentation eines selbstgebauten Instrumentes aus Weinflaschen, Gläsern und einer alten Schreibmaschine. Auf diesem Wunderwerk der Musikkunst gibt es anschließend auf Publikumszuruf die Hits 'My Heart Will Go On', die 'Gummibärenbande' und 'Sommerregen' zum besten.

Die Zugabe bildet mit 'Signal', 'Herz Über Kopf' und 'Glück Auf' ein Hit-Trio. Während dem Bonus-Teil gibt es nochmal einen äußerst bewegenden, aber keinesfalls rührseeligen Moment. JORIS erzählt von einem Festival in Ansbach und einem missglückten Terroranschlag während einer Live-Show der Band. Dieses Ereignis hat den Sänger und seine Band in einen Angstzustand versetzt, welcher nicht einfach zu überwinden war. Dank Liebe und gegenseitiger Unterstützung konnte dieser Zustand überwunden werden und macht solche Feste wie an diesem Abend in Bielefeld möglich.

All Photos by Marc Erdbrügger