(Arising Empire)

Dass ich das noch erleben darf. Die FARMER BOYS lieferten von 1996 bis 2004 vier Alben ab, die von mir und meinen Homies damals a) sehr abgefeiert wurden und b) die deutsche Rock-Musikszene ordentlich durchgeschüttelt hatten. Mit ihrem Mix aus "Rock, Heavy Metal, Alternative Rock", Bratgitarren und melodischem Gesang traf man den Nerv der Zeit. Das Debüt "Countrified" z.B. beinhaltete ein Cover von Depeche Mode ('Never Let Me Down Again') mit Anneke van Giersbergen (damals noch The Gathering), welches in den Clubs ziemlich einschlug. Die Band kann "die größten Festivals, Vans Warped Tour in den USA, Tourneen mit Rammstein, Deftones und Metallica" vorweisen, welche deutsche Band kann das schon von sich behaupten?

Das Infoblatt sagt: "Sie haben die deutsche Musiklandschafft Mitte der Neunziger bis über die Jahrtausendwende hinweg geprägt und mit ihrem innovativen Crossover aus hartem Metal und poppigen Melodien und Refrains bereichert. Nach einer kreativen Pause, kehren die drei Bandgründer Matthias Sayer (Gesang), Alex Scholpp (Gitarre) und Ralf Botzenhart (Bass) samt den beiden Neuzugängen Timm Schreiner (Schlagzeug) und Richard Düe (Keyboard) in 2017 auf die Bildfläche zurück und kündigte kurz darauf die neue Vertragsabschließung mit Nuclear Blast‐Ableger Arising Empire an."

Seit 2004 kein Album, offiziell lag aber nie eine Auflösung vor. In 2008 spielte die Band einen Gig in ihrer Heimatstadt Stuttgart, 2018 kommt (nach einer EP in 2017) nun nach langen Jahren ein neues Album. Auf der letzten Clubtour (November 2017) statteten wir der Band im Hannoveraner Lux einen Besuch ab und waren von der Spielfreude und den alten Hits gleichermaßen begeistert. Es war, als würde man einen alten Freund nach langen Jahren wieder willkommen heissen können.

Die Resonanz von Publikum und Fans war laut Sänger Matthias Sayer überwältigend. „Mit so viel Zuneigung und Euphorie nach nun doch ein paar „Jährchen“ in der Diaspora rechnet man eher nicht unbedingt. Es ist die Bedeutung unseres Schaffens für andere Menschen und das ist wirklich emotional und bewegend“.

2018 sind die FARMER BOYS nun also auch mit einem Longplayer zurück und es stellt sich die Frage: Kann man an damalige Erfolge anknüpfen? In unserer schnelllebigen Zeit, deren Rock-Jugend eher auf dem Metalcore-Brutalo-Zug aufgesprungen ist. 

Photo by Stefan Heilemann

Ich nehme etwas vorweg: Ich habe 2-3 Durchläufe benötigt, mag am Songmartial liegen oder an der Tatsache, dass bei mir zum Zeitpunkt des Erscheinens des Promomaterials eher Bands wie Soufly, Behemoth, The Ocean oder Black Peaks durch die Membranen rauschten. Oder dass ich das Album nie komplett hören konnte sondern eher auf dem Weg zur/von der Arbeit auf dem Ohr hatte. Irgendwann hatten mich aber die Songs. Manche mögen "Born Again" anachronistisch betrachten. Manchen ist die Musik vielleicht nicht "cool" genug. Aber: Das hier sind Stücke, die mit viel Herz und Kopf dargeboten werden. Die FARMER BOYS haben ihre damaligen Stärken ins Jetzt überführt und mit vielen weiteren Jahren Handwerkskunst veredelt. "Born Again" ist so abwechslungsreich und vielfältig, dass manche Combo da sicherlich die ein oder andere Scheibe von hätte.

Widmen wir uns der Musik/einigen speziellen Songs:

'Cosmos' steigt als Intro schön atmosphärisch mit wunderschönem Cello-Spiel empor, bis es orchestral abbricht und den fetten Klampfen vom Opener 'Faint Lines' Platz macht. Die Jungs sind zurück. Wuchtiges Mid-Tempo, so kennt man es. Der Song pendelt wunderbar zwischen Härte und den charakteristischen Vocals von Matthias Sayer. Mein erster Ohrwurm. Gänsehaut. Vor meinem geistigen Auge tauchen bei dem Song immer wieder Muse auf, die für den Songaufbau Pate gestanden haben dürften.

'Fiery Skies‘ geht dann richtig nach vorne, 'You And Me' lullt (positiv belegt) den Hörer auch wieder mit einem mächtigen Refrain ein, am Ende lässt das Stück Sayer nahezu gefühlvollst allein performen.  Drei Songs bislang, kein Ausfall, kein Mittelmaß. 'Isle Of The Dead' nimmt die Stimmung des Vorgängerstücks auf und präsentiert Sayer schon fast Queen-esque mit Piano-Untermalung. Auch hier: Gänsehaut! Ein sehr intensives Stück Musik, welches ausschließlich akustisch vorgetragen wird und auch mit dem Cello von Max aufwartet. Wow!

'Tears of Joy' kommt mit an Angels & Airwaves erinnernder Gitarre zu Beginn und reitet weiter die Melancholie-Welle, die aber episch aufbricht und den Song zum nächsten Hit macht. 'Mountains' ist als Interlude eingebettet und leitet schön zur zweiten Hälfte des Albums über, die mit 'Stars' wieder die fetten Gitarren auspackt. Auch hier ist das Wechselspiel wieder perfekt ausbalanciert, der Refrain möchte laut singend die Nacht erhellen, die Gänsehaut wird nicht weniger, eher mehr. 

'Oblivion' kommt breitbeinig und wuchtig daher. „Ein großer FARMER BOYS Song für mich mit ungewöhnlichem Arpeggio Tapping im Mittelteil und Solo mit Randy Rhoads‐ Inspiration“ (Scholpp), Sayer darf angecruncht shouten und im Refrain wieder streicheln. Hier klingt Devin Townsend durch. Verdammt, woher holt die Band bloß diese Hits?

'In The Last Days' kommt mit punkigem Einstieg, bis die Gitarre losschraubt und wir einen schön oldschooligen FARMER BOYS-Song serviert bekommen, der zum Ende tatsächlich klingt, als sei er aus einem James Bond-Film entsprungen, bzw. der Titelsong eines neuen Bond-Streifens. 

Den Song 'Revolution' bette ich hier mal zum Anchecken ein. Auch dieser Refrain packt den Zuhörer unweigerlich:

 

Mit dem abschließenden Titelsong 'Born Again' wird dann noch mal opulent und voller Pathos der Kreis zu 'Cosmos' geschlossen. Man muss es hören, um es zu glauben. Wenn das Infoblatt sagt, der Song  "ist monumental und in der Melodie und Breite der Stimmung wie ein Spiegelbild aus einer anderen, ewigen Welt", dann ist da nix geprahlt. 

Jungs, ganz großes Tennis. Vielen Dank für dieses grandiose und schubladenfreie Album. Und jetzt holt euch die Sterne vom Himmel! Bei mir kommt ihr so schnell nicht mehr aus dem Ohr heraus, das sollten auch andere Hörer so attestieren können!

Album-VÖ: 02.11.2018