(Major Label/ Broken Silence)

RAZZIA scheinen sich für Ihr neues Album, das erste seit über 25 Jahren mit Sänger Rajas Thiele sowie drei weiteren Ur-Mitgliedern, das Motto „klotzen statt kleckern“ auf die Fahne geschrieben zu haben. 14 Tracks mit einer Gesamtspielzeit von knapp über 55 Minuten sprechen eine deutliche Sprache. Was genau die Band zu dieser Art von Monumentalismus, welche sich auch in dem schlimmen Cover widerspiegelt, geführt hat, bleibt unklar. Fakt ist aus meiner Sicht, dass „Am Rande Von Berlin“ darunter leidet. 
 
Viele Songs sind ganz einfach zu lang. Dieses beginnt bereits mit dem instrumentalen Opener 'Nitro'. Ausgestattet mit einer supercoolen Hookline, wird diese leider zweimal zu oft durch den Wolf gedreht. So zieht sich das durch viele Songs der Platte, wobei die Überlänge teilweise dem Facettenreichtum geschuldet ist, wie z.B. bei „Berchtesgaden“ oder 'Lauf Junge Lauf' mit Streichern, Orgel und Akustikparts. Ob man diese Effekte braucht, ist die zweite Frage. 
 
„Am Rande Von Berlin“ ist ein düsteres Album geworden - mit pessimistischen und kritischen Texten. Hier beginne ich, den Bogen zu früher zu spannen. Das Album ist neben der textlichen Komponente auch sonst ein typisches RAZZIA-Album geworden. Rajas kratzt noch mehr als früher, wobei diese Art des Gesangs heutzutage etwas gewöhnungsbedürftig ist. Es gibt unzählige Momente von faszinierenden RAZZIA-Hooklines und Melodiebögen, welche einem erst einmal nicht aus den Gehörgängen weichen und die man tatsächlich „von damals“ zu kennen glaubt. Der Gitarrenpart am Ende von „Wenn Die Stadt Erwacht“ ist hierfür ein gutes Beispiel. Gänsehaut pur.
 
 
Grundsätzlich ist 'Am Rande Von Berlin' durchsetzt mit eher getragenen, Midtempo-Songs. Lediglich zum Schluss der Scheibe schafft es die Band, mit 'Liebe Grüße Aus Dem Rotweingürtel', 'Straße Der Krähen' und 'Rezeptur der Angst' richtig punkige Tracks zu intonieren, die einem das Gefühl aus den 80ern bescheren. Daran wollen RAZZIA vermutlich und verständlicherweise nicht gemessen werden und das ist auch okay so. Wäre die Scheibe um zwei oder drei Songs gekürzt und das verbliebene Material im positiven Sinne gestrafft worden, so hätte „Am Rande Von Berlin“ das Zeug zu einem Klassiker gehabt. So bleibt aber zumindest ein gutes Album mit einigen Ohrwürmern und Abzügen in der B-Note. 
 

Album-VÖ: 29.03.2019

Unser Gast-Autor Stephan "Zahni" Müller ist eine lebende Deutsch-Punk-Legende (Bassist bei Neurotic Arseholes). Aktuell mit seiner neuen Band "Tag Ohne Schatten" unterwegs, die demnächst ihr erstes Material veröffentlichen. Fun Fact: Der Bandname entlehnt sich dem Debütalbum von RAZZIA - somit schliesst sich der Kreis.