(Epitaph/ Indigo)

RAISED FIST haben sich 1993 gegründet und sind seit ihrem Debüt "Fuel" kaum aus der Hardcore-Szene wegzudenken. Die Schweden haben ihren eigenen Stil gefunden, der einen hohen Wiedererkennungswert hat und haben stetig daran gefeilt, ihren prägnanten Sound weiterzuentwickeln ohne Fans der ersten Stunde vor den Kopf zu stossen. Aufgrund der vorsichtigen, aber konsequenten Änderungen im Gesamtbild, war es wichtig die Fans mitzunehmen. Im weiteren Verlauf der Karriere sind die Platten fokussierter, transparenter und heftiger geworden - aber das Händchen für eingängige Strukturen war immer das große Plus bei den komponierten Werken. RAISED FIST lassen sich zudem alle Zeit der Welt, um eine Platte so klingen zu lassen, wie sie es aktuell empfinden. Jeder Ton ist dort, wo er hingehört und dissonante Zwischentöne sind gewolltes Mittel zum Zweck, um Ecken und Kanten zu generieren, an denen sich der Zuhörer reiben kann. Gerade die "schwierigen" Songs sind die, die hängenbleiben, da der Grundsound bei dem Quintett für ungeübte Hörer durchaus als wenig abwechslungsreich eingeordnet werden könnte. Mit den Liedern von RAISED FIST muss man sich beschäftigen, man muss die Songs wirken lassen und Zugang zu Herz und Kopf gewähren - dann bekommt man einzigartige Granaten vor den Latz geknallt, die lange nachwirken.

Was erwartet uns also bei "Anthems"? Ist Album Nummer sieben ein weiterer Beweis, für die einzigartige Wand, die RAISED FIST imstande sind zu produzieren - und/oder überraschen sie uns wieder mit neuen kreativen Ideen, die das Hardcore-Genre bereichern? So viel sei verraten - es klingt anders, als es im Vorfeld evtl. spekuliert wurde. Der Titeltrack wurde bereits vor einigen Wochen online geschickt und hat die "neuen" RAISED FIST vorgestellt. "this is a brand new anthem coming your way burning up in the studio to make this play out of the dark with a brand new flow..." Im ersten Moment dachte ich, dass die Band ihre Comedy-Seite entdeckt haben und einfach einen ironischen Kommentar zu sogenannten Band-Anthems abgeben wollen - im Nachhinein befürchte (oder bewundere) ich, dass es die Schweden ernst meinen und die Metaebene nutzen, um ein "Anthem" zu schreiben, wie ein Anthem geschrieben wird...oder so. Der teils keifige, heisere Gesang ist ein Trademark von RAISED FIST was sich bis dato noch nicht geändert hat und auch die Produktion ist wie üblich eher kalt und präzise (was für die notwendige Härte sorgt).

Schon der Einsteiger-Track 'Venemous' hat eine verdammte Hookline, die sich sofort in das Hirn frisst. Der bekannte und liebgewonnene Hardcore(-Punk) weicht neuen Inspirationen und macht es sich in der Liga mit Fever 333 bequem. Früher hiess es Crossover und im Grunde ist es genau die Bezeichnung, die den ersten Track umschreibt. Nachfolgend erinnert sich 'Seventh' wieder an alte Tugenden, um im letzten Drittel des Songs cleanen Sprechgesang einzubauen, der die Dynamik bricht und somit überraschend hitverdächtig wird. 'Anthem' wie oben erwähnt, danach beweist 'Murder', dass es RAISED FIST ernst meinen, mit ihrem Willen, jedem Song eine Eingängigkeit zu verpassen, der man sich schwer entziehen kann. Die sauber gesprochenen/gesungenen Parts brechen die aggressiv nach vorne preschenden Strukturen auf und hinterlassen fast jedesmal einen "Wow-Effekt", weil es die Band wieder schafft, einen unvermittelt auf dem falschen Fuß zu erwischen. Wenn man sich an das frische Konzept der Skandinavier erst einmal gewöhnt hat, freut man sich auf jeden weiteren Track, da hier Entertainment und Hardcore-Emotion Hand in Hand gehen. Man muss dem Ganzen aber eine Chance geben, um die "alten" RAISED FIST nicht ständig als Vergleich heranzuziehen. Sie haben sich mit "Anthems" quasi neu erfunden, ohne ihre Vergangenheit zu verdrängen.

'Into This World' zementiert dann die große Veränderung, die bei RAISED FIST vonstatten gegangen ist. Textlich geht um Verluste von geliebten Menschen und ist musikalisch so poppig wie noch niemals zuvor geworden. Die melodische Hymne ist eine Ode an das Leben und hat aufgrund ihrer Eingängigkeit das Zeug, zu einem Klassiker zu werden. Mit 'Shadows' schliesst sich ein Punkrocker an, der mit emoesken Parts arbeitet - die cleanen Passagen sind melancholisch und dem Song zuträglich, da auch hier die zu erwartenden Strukturen aufgebrochen werden.

Der Abschlußtrack 'Unsinkable II' beschwört dann die vergangenen Tage und überzeugt mit kompromisslosen Hardcore-Sound, der die Schweden in die erste Liga des Genres gespült hat. Würdiger Schlussakt einer überraschenden und tollen Platte.

"Anthems" beansprucht von langjährigen Fans eine ganz neue Offenheit gegenüber neuen Ausrichtungen. RAISED FIST schaffen es ihre Reputation zu bewahren und sich neu zu erfinden. Das hat sicherlich Mut und Konsequenz erfordert - aber die Band hat es zustande gebracht, dabei authentisch zu bleiben und ein hervorragendes Album abzuliefern, welches aber ein paar Anläufe braucht, bis man sich reingefuxt und schlussendlich verliebt hat. So geht Weiterentwicklung.

Album-VÖ: 15.11.2019