(Out Of Line Records)

Jede Serie muss einmal reißen, so schaffen es ERDLING diesmal nicht ihren Jahresrythmus einzuhalten. Aber man verfehlt das Ziel ja auch nur um ein paar Tage und "Yggdrasil" ist bereits das vierte Album der Jungs, in gerade einmal fünf Jahren Bandgeschichte. Es geht also immernoch extrem schnell mit den Veröffentlichungen. Nachdem die Alben sich durchgängig qualitativ gesteigert haben, war ich umso gespannter ob dieser Weg weiterhin eingehalten werden kann. "Yggdrasil" ist dabei ein sehr sozialkritisches Album geworden, welches die Taten der Menschen gegenüber ihrer Umwelt stark kritisiert.

Das Intro 'Hel' gibt dabei auch den Ton an, indem eine Frauenstimme erzählt, wie langsam aber sicher der Klimawandel unseren Planeten zerstört. Mit 'Blizzard' folgt dann der erste richtige Song und waren ERDLING zu Beginn noch als NDH Kombo bekannt, erkennt man sofort, dass sie inzwischen zu mehr geworden sind. Der Sound ist diverser geworden und bedient sich bei Elementen aus ganz verschiedenen Richtungen der härteren Musik. Aus den Anfangszeiten ist fast nur noch der Gesang geblieben und die instrumentale Seite hat sich stark positiv weiterentwickelt. Die Mischung ist jedenfalls sehr gut und der Einstieg somit mehr als geglückt. Einen grandiosen Ohrwurmfaktor hat 'Wir sind Midgard', mit einer schönen elektronischen Darkrocknote und knackigen Riffs. Grade die Gitarre ist aber auch wunderbar verspielt und rockt ordentlich mit. Hier dürfte es sich wahrscheinlich um die neue Hymne, für ERDLING, schlechthin handeln.

'Hundert Welten' legt ein bisschen von der Härte ab, aber nur um mehr Fokus auf den Gesang zu legen. Und das Thema des Songs ist auch sehr wichtig und fordert den Hörer auf, etwas gegen die Entwicklung der Umwelt zu tun. Eine schöne Abwechslung und auch 'Am Heiligen Hain' geht sofort ins Ohr und sticht gut aus der Masse hervor. Auch hier ist der Gesang eher klar und freundlich. Im krassen Kontrast dazu steht 'Im Namen der Krähe', dem wohl härtesten Lied des Albums bis jetzt. Dies liegt vor allem am Gesang von Gastsänger Robse von Equilibrium, welcher gewohnt düster seine Growls einfügt. Der Refrain hingegen ist fast hymnenhaft und so ergibt sich ein tolles Gesamtbild zu einem wichtigen Thema, nämlich der Gewalt gegen Tiere und wie egal es den Menschen ist, nur um möglichst günstig Fleisch essen zu können. 'Sturmfänger' ist eine wirkich ergreifende Ballade und damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Hier geht die Melodie nicht nur ins Ohr, sondern der Text trifft auch voll ins Herz. Außerdem ist es das Stück welches am Besten aufzeigt wie extrem sich der Gesang von Neil weiterentwickelt hat. Ganz, ganz großes Tennis! Deutlich metallischer geht es mit 'Blut und Erde' weiter, hier knüppelt es wieder sehr und untermalt die Wandlung von der NDH- zur Metalband sehr deutlich. Das Songwriting ist auch auf einer ganz anderen Ebene als man es von den Jungs gewohnt war.

Photo by Marcel Kahner

Mit 'Grendel' lassen sie das Monster mal richtig laut brüllen! Harte und vor allem schnelle Riffs, treffen hier auf einen eingängingen Mitsing-Refrain. Aber was hier in den Strophen geboten wird, ist das wahre Highlight. Als ich im Jahr 2016 sehr enttäuscht ERDLINGs Debütwerk "Aus den Tiefen" rezensiert habe, hätte ich mir nie Träumem lassen, dass ich mal so ein geiles Lied von den Mannen hören würde. Für 'Wölfe der Nacht' hat man sich den alten Hasen Chris Pohl ins Boot geholt, welcher sich sehr gut in das Lied einfügt. Insgesamt ist einfach kein langweiliges Lied dabei und die Abwechslung wird stets groß geschrieben. Mit dem Titeltrack 'Yggdrasil' gibt es auch nochmal einen richtigen Ohrenschmaus zum Abschluss. Metallisch, eingängig, geil! Eine wahre Hymne, die man bereits beim ersten Mal lautstark mitsingen will und das angehängte Outro ist einfach nur wunderschön.

Hossa! ERDLING sind nun defintiv im Metal angekommen und liefern mit "Yggdrasil" ihr mit Abstand härtestes und ausgereiftetes Album ab. Teilweise hat das Album mehr Elemente von Paganmetal, als man es sich hätte je erträumen lassen. Ich fand ja schon den Vorgänger "Dämon" sehr gut, aber das Teil hier ist eine ganz andere Hausnummer. Viel Abwechslung, toller Gesang und dazu hat jeder Song an sich eine so wichtige Botschaft zu tragen. Grade in Anbetracht der verheerenden Waldbrände in Australien, erscheint "Yggdrasil" brandaktuell und regt hoffentlich genügend Menschen zum Nachdenken an. Nur eins fällt mir negativ auf und zwar erscheint das gute Stück auch in einer Limited Edition und wie ist diese verpackt? In einer Holzbox! Das wirkt schon etwas heuchlerisch und widerspricht komplett den Liedtexten. Da ist es auch total egal das Eschesaatgut in der Box dabei ist, wenn dafür erstmal Bäume gefällt werden mussten. Aber gut diese komische Marketingentscheidung will ich nicht in die Endwertung mit einfließen lassen, denn rein musikalisch könnte das Jahr kaum besser starten.

Anspieltipps: 'Wir sind Midgard', 'Grendel'

Album-VÖ: 10.01.2020