(Nuclear Blast)

In den millerweile 32 Jahren ihres Bestehens haben haben PARADISE LOST so manchen musikalischen Wandel durchlebt. Zelebrierten sie auf ihrem Debüt noch mächtigen Death-Doom, wies das zweite Album "Gothic" bereits im Titel auf den neuen Einfluss hin, der im Zuge der nächsten Platten immer mehr ausgebaut wurde und dafür sorgte, dass PARADISE LOST das Genre Gothic-Metal wie kaum eine andere Band in den 90er Jahren prägen sollten.

Ich bin ja quasi Fan von Stunde Null an und besonders die Alben "Gothic", "Shades of God" und "Icon" haben sich für immer in mein Herz eingebrannt und rotieren auch heute noch regelmäßig auf meinem Plattenteller. Nach der ebenfalls genialen "Draconian Times" entdeckte die Band aber leider ihre Vorliebe für elektronische Sounds, was dafür sorgte, dass die Gitarren in den nächsten Jahren immer mehr in den Hintergrund traten. Ich konnte dieser Entwicklung leider nicht folgen und verlor die Band deshalb für viele Jahre aus den Augen. Erst das 2007er Album "In Requiem" ließ mich wieder aufhorchen. Die Band hatte ihre Liebe zum Metal wiedergefunden und die Gitarren hielten erneut Einzug. Endlich wieder auf Kurs, schafften sie es seitdem, sich von Album zu Album zu steigern und besonders die vom Death-Doom der Anfangsjahre geprägten Alben "The Plague Within" (2015) und "Medusa" (2017) ließen meine alte Liebe zu PARADISE LOST wieder aufflammen. Nun 2020 also Album Nr. 16 mit dem Titel "Obsidian". Und der passt wie die berühmte Faust aufs Auge. Für alle, die geologisch nicht so bewandert sind... ein Obsidian ist ein pechschwarzes glasähnliches Gestein vulkanischen Ursprungs, dem heilende Kräfte nachgesagt werden.

Schon der Opener 'Darker Thoughts' gibt die Richtung vor, in die es diesmal gehen soll. Und die heißt diesmal verstärkt Gothic Metal, obwohl der Death-Doom auch nach wie vor seinen Platz im aktuellen Sound behält. Der Song beginnt ruhig, akustisch und atmosphärisch mit sanften Clean Vocals, bevor sich Sänger Nick Holmes im Refrain wieder zum Growlen aufschwingt.

Photo by Anne-C.-Swallow

Der nachfolgende Song 'Fall from Grace' quillt wie Lava aus den Boxen und verbreitet textlich absolute Hoffnungslosigkeit . 'Ghosts' würde sich mit seinem an Sisters of Mercy erinnernden Vibe auf der Tanzfläche jeder Gothic Disco gut machen. Dann folgt schon der absolute Gänsehautmoment in Form des epischen Meisterwerks 'The Devil Embraced', das einen umarmt, in einen pechschwarzen Mantel aus bedrohlicher Simmung und atmosphärischem Wechsel zwischen Klargesang und abgrundtiefen Growls eingehüllt und getoppt von Gregor Mackintoshs göttlichem Gitarrensolo für mich den Höhepunkt des Albums darstellt. Das heißt aber nicht, dass die Scheibe danach abgeflacht. Auch 'Serenity', 'Forsaken' und das tiefschwarze 'Ending Days' sind als absolute Glanzpunkte im Schaffen der Band anzusehen. Abgeschlossen wird das Album vom härtesten Song der Scheibe 'Ravenghast', der noch einmal alle dunklen Reserven der Band aktiviert und einen atemlos zurücklässt.

Fazit: Die 3 letzten vorangegangenen Scheiben "Tragic Idol", "The Plague Within" und "Medusa" scheinen nur die Vorbereitung gewesen sein, denn der Spagat zwischen den Höhepunkten dieser Platten und Mut zur Abwechslung macht "Obsidian" für mich zum besten PARADISE LOST-Album seit dem göttlichen "Icon" von 1993.

Album-VÖ: 15.05.2020