(Hassle Records)

Aufgrund der heutigen einfachen Möglichkeiten seine Musik für jeden zugänglich zu machen, ist es schwer, aus der Vielzahl von talentierten Bands, die eine rauszupicken, die es wert wäre einen Hype zu kreieren. Womöglich gehören die englischen PHOXJAW zum engeren Kreis, ungewöhnlicher Bands, die einen neuen Ansatz in ihrer Musik ausprobieren und dabei nicht vergessen, Songs zu schreiben, die mehrmals gehört werden wollen, weil vieles aus dem Indie-Rock-Kosmos zu einem Album zusammengeschraubt wurde, was einzigartig klingt und dabei die Eingängigkeit nicht aus den Augen verliert.

Der Aufnahmeprozess beim Debüt "Royal Swan" ist offensichtlich so besonders gewesen, dass es in den Promotext der zuständigen Agentur übernommen wurde. PHOXJAW habe ihre erste Platte fast durchgängig im Alleingang aufgenommen, nur die Drums wurden professionell abgemischt. Dass z.B. angeblich vereinzelte Gitarrenspuren in einem Kleiderschrank aufgenommen worden seien, ist ein nettes Gimmick, sagt aber nichts über die abgelieferte Qualität aus. Solange die Musik den Hörer fesselt und ein Wow-Effekt erzielt wird, ist es ja völlig unerheblich wo die Kreativität auf Tonband gebannt wird.

PHOXJAW konnten bereits mit ihren bisher veröffentlichen EPs "Goodbye Dinosaur" und "A Playground For Sad Adults" enige Aufmerksamkeit in der Szene generieren, deswegen ist eine gewisse Erwartungshaltung beim Erstlingswerk erwartbar. 11 Songs werden angeboten, wobei das Intro namens 'Charging Pale Horses' nichts weiter als eine einminütige verrauschte Overtüre ist. 'Trophies In The Attic' eröffnet den bunten Reigen dann offiziell und begeistert schonmal mit progressiven Ansätzen, die mit Grunge-Elementen spielen und beeindruckend den Fokus auf spannendes Songwriting legen. Es gibt nicht den typischen Refrain-Ausbruch, der die Strophen leichtfüßig auflöst, sondern der Song treibt wunderbar disharmonisch voran und entwickelt dadurch einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann. 'Triple AAA' dagegen versucht sich als Indie-Rock-Perle zu etablieren - schwungvolle Nummer, der man den DIY-Ansatz aber sympathischerweise anhört. Es kratzt und fiept allerorten, den Song wertet dies allerdings auf.

'You Don't Drink A Unicorn's Blood' ist ein schleppender Brecher, dem ich eine neue Genreschublade öffnen würde - Doom-Indie. Sehr prägnantes Gitarrengeschreddere, was durch die Wucht des Schlagzeugs massiv an Energie gewinnt und den Gesang mitnichten in den Mittelpunkt stellt, sondern als weiteres Element in die Komposition einbaut. Im weiteren Verlauf der Platte, testen PHOXJAW weitere Möglichkeiten aus, die den Lo-Fi-Indie-Slacker-Rock aus der Masse der Veröffentlichungen herausführen soll. Eingängige Ansätze wie bei 'Half House' oder 'Teething' werden ohne Rücksicht auf Verluste eingerissen, weil dann doch die Lust auf Zerstörung von Melodie überwiegt. Aber gerade das macht das Album aus - man kann sich als Hörer nie sicher sein, ob liebliche Momente nicht im nächsten Moment in das Gegenteil umgekehrt werden. "Royal Swan" spielt mit Erwartungen, um sie zu überraschenden Wendungen eskalieren zu lassen. 'An Owl Is A Cat With Wings' ist wiederum einfach schön, ohne Widerhaken - und trotzdem tief in der Underground-Szene verwurzelt.

Um die Beweislast bzgl. Abwechslungsreichtum zu erhöhen, sei 'Bats For Bleeding' erwähnt. Der Song croonert in Erinnerung an Nick Cave mit einem dunklen Unterton vor sich hin und macht es sich in der Magengegend des Hörers gemütlich. Emotionales Kino mit großer Nachwirkung. Beim Schlussakt und gleichzeitigen Titeltrack versuchen sich PHOXJAW im Post-Rock (mit wenig Gesang) und selbst dieses Experiment kann mit einer Laufzeit von über sieben Minuten überzeugen.

Man kann Hassle Records zur Verpflichtung von PHOXJAW aufrichtig gratulieren, denn in den letzten Monaten gab es kaum eine Band, die so eigen und mutig ihre Interpretation von Independent-Rock präsentiert hat. "Royal Swan" ist kein einfaches Album, man muss sich den Zugang teils hart erarbeiten, wird aber mit innovativen Ideen und hoher Nachhaltigkeit belohnt.

Album-VÖ: 03.07.2020