(Roadrunner/Warner)

Die Briten von CREEPER sind zurück aus dem Winterschlaf. Mit dem Konzeptalbum "Sex, Death & The Infinite Void" wandeln sie noch hörbarer auf den Spuren von My Chemical Romance und legen in puncto Hitdichte nochmals einen drauf. Dabei war bereits Album #1 ein Feuerwerk.

Exakt ein Jahr nach ihrem letzten Konzert spielen CREEPER am 01.November 2019 ihre Comeback Show, kündigen den Nachfolger von "Eternity, In Your Arms" an und beenden somit auf einen Schlag alle Trennungsgerüchte. Soweit so gut, doch jetzt wird es ernst: Eine Mischung aus Erfolgsdruck und eigenem Anspruch, das ist die Krux beim verflixten zweiten Album. Und dass man mit dem Debüt die Latte direkt in Rekordhöhe aufgelegt hat, konnte ja niemand ahnen. Erste Vorabveröffentlichungen konnten aber direkt Entwarnung geben. Die Band aus Southhampton beherrscht wie eh und je die Fähigkeit, Songs am Fließband zu schreiben, die jeder für sich klingen, als könnten sie die Welt bedeuten. Somit ist es auch kein Hindernis dem Stilmix aus Glam-Rock, Pop-Punk, Emo und Gothic einen Story Überbau zu verordnen und das Thema Konzeptalbum anzugehen. Die Story lässt sich dabei in wenigen Worten zusammenfassen: Junge zieht in neue Stadt, gerät auf die schiefe Bahn, verliebt sich – und die Welt, wie er sie kannte, endet. Mit im Gepäck eine ganze Reihe popkultureller Referenzen – von Fight Club, Vampiren oder den Smiths.

Den Hitreigen eröffnet 'Be My End' welches in Begleitung eines animierten Videos, das unter der Regie von Marco Pavone entstanden ist, der zuvor unter anderem mit Dua Lipa arbeitete. Seine Crime-Noir-Animation erweckt CREEPERs Geschichte eines Paares und seiner unglückseligen Liebe inmitten der sündigen Bewohner der fiktionalen Stadt Calvary Falls zum Leben.

Sänger Will Gould kommentiert: ‚Be My End' ist der Eröffnungssong unseres neuen Albums ‚Sex, Death & The Infinite Void'. Thematisch führt er in die ‚apokalyptische Liebesgeschichte' ein, von der das Album handelt. Das Musikvideo ist das erste Mal, dass wir mithilfe von Animation eine Geschichte erzählen. Calvary Falls kommt in seiner ganzen Pracht zur Entfaltung, wenn die Erzählung auf ihr Ende zurast. In dieser Art und Weise habt ihr die Band nie zuvor gesehen."

Das hymnische 'Born Cold' serviert ein eiskaltes Gitarrenriff und 'Cyanide' erinnert mich stark an eine Ballade aus der Hitschmiede der Briten von Ash. Allerdings haben die es schon lange nicht mehr so gut hinbekommen:

Unglaublicher Weise gelingt es der Band anschließend noch einen Gang hoch zu schalten und mit 'Annabell' einen weiteren Fixpunkt zu positionieren, was sich nicht nur musikalisch, sondern auch in den Lyrics manifestiert: “The underworld kids of the choir will sing “Hallelujah! God has left the building”. Ebenfalls zu gute halten kann man der Band, dass sie an keiner Stelle auf Nummer sicher geht und die bewährte Hitformel ihrer Songs ständig selbst zitiert. So lassen sich nämlich mit jedem weiteren Track neue Genre-Einflüsse finden. Sei es der vollständige Pathos-Overload wie in 'Paradise', das country angehauchte 'Poisoned Heart' oder das Bowie Zitat in 'Thorns Of Love'. 'Four Years Ago' räumt Keyboarderin Hannah Greenwood einen größeren Gesangspart ein, welche einen den gegenwärtigen Herzschmerz der Platte mal so richtig fühlen lässt: “I loved you for a little while four years ago. Sometimes I feel lost and wild when the moon is low.”

Und auch das letzte Drittel der Platte zeigt keinerlei Ermüdungserscheinungen. 'Napalm Girls' ist für mich der Hit der Platte und der vermutlich stärkste Emotrack 2020:

'Black Moon' dürfte mit seinen Chören die Festivalbühnen und Stadien dieser Welt entern, sobald das wieder möglich ist und mit dem abschließenden 'All My Friends' zeigt die Band nochmal eine gänzlich andere Facette. Die eindringliche Pianoballade wurde von Frontmann Will Gould geschrieben und entstand während einer turbulenten Zeit für die Band. Während Gould in Los Angeles aufnahm, wurde sein bester Freund und Gitarrist Ian Miles in England in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Als seine Hoffnung auf eine Genesung des Freundes zunehmend schwand, kanalisierte er all seine Gefühle in den Song, der in Goulds qualvollem Eingeständnis mündet: „I'm so sorry if I failed you / You know I love you so". Gould war zunächst zögerlich, den Song mit der Band zu teilen, doch die Reaktion war eindeutig: er musste unbedingt auf das Album.

'All My Friends' war von der Band nie als Single geplant, doch in einer Zeit, da viele Menschen mit psychischen Problemen zu kämpfen haben oder von ihren Freunden und Familien getrennt sind, soll der Song daran erinnern, dass wir nicht allein sind. Begleitet wird 'All My Friends' von einem wunderschönen Video, das CREEPER während ihres Lockdowns in ihrer Heimat selbst drehten:

Verglichen mit ihrem Debüt, "Eternity, In Your Arms", war der Erstling deutlich ungestümer und von daher vielleicht auch eine Spur frischer. Auf "Sex, Death & The Infinite Void" beeindruckt jedoch das Gesamtkonzept umso mehr. Zudem ist die Platte ein Grower, wie ich bei jedem weiteren Durchlauf merke. Somit die Scheibe der Stunde!!!

Der Song für die Playlist/das Mixtape: 'Napalm Girls'

Album-VÖ: 31.07.2020