(Epitaph Records)

Wie geht es Jeremy Bolm von TOUCHE AMORE heute? Man kann natürlich nicht in den Kopf von Jedermann reinschauen, aber der Seelenstriptease beim Vorgängeralbum "Stage Four", bei dem er den Krebstod seiner Mutter thematisiert hat und eine wütend-emotionales Statement hinterlasssen hat, wirken nach. Selten hat ein Album so verzweifelt, traurig, wütend geklungen - dennoch hat der Zuhörer auch den winzigen Hoffungsschimmer erkennen können, der sich am Ende dieser grandiosen Platte in das Hirn gefräst hat.

TOUCHE AMORE sind keine einfach zu hörende Band. Man liest oft Meinungen, dass v.a. der Gesang sehr gewöhnungsbedürftig ist. Das mag stimmen, findet man den Zugang, wird man mit einzigartigen Post-Hardcore belohnt, der sicherlich auch instrumental wunderbar funktionieren würde, mit der stimmlichen Komponente aber die Besonderheit hat, die die Band aus Los Angeles den berühmten Wiedererkennungswert mit auf den Weg gibt.

"Lament" ist das fünfte Studioalbum von TOUCHE AMORE ("Dead Horse X" - das Debüt re-recorded, mal außen vor gelassen) und lässt uns wieder in die Welt des Fünfers eintauchen. Sie waren nie die typische Hardcore-Band, sondern haben immer Elemente in ihrer Musik zugelassen, die man im Post-Core ebenso verorten kann, so wie man die spannenden Indie-Rock-Strukturen annehmen sollte, um die Idee des Songwritings zu verstehen. TOUCHE AMORE fordern den Hörer heraus, aufgeschlossen zu sein - dann nehmen dich die Jungs gerne mit auf einen berauschenden Trip zwischen Hingabe und Aggression. Die Musik ist fokussiert, hat aber immer diesen flirrenden Touch. Mr. Bolm hat das Singen nicht erfunden und wird dies auch niemals können, aber die Vehemenz seiner heiseren Worte, seines Flüsterns und dem akustischen Herzblut, welches den Kompositionen innewohnt, ist beeindruckt und phänomenal umgesetzt.

Die Platte funktioniert wunderbar als Konzeptalbum. Genauso gut aber auch als Sammlung erstaunlich eingängiger Songs, die mit der notwendigen Offenheit Menschen erreichen kann, die sich für die oben genannten Genres interessieren. Ob nun der überraschend positive Punkrocker 'Reminders',  das mit Manchester Orchestra eingespielte 'Limelight' oder der mit Slide-Guitar untermalte Hardcore-Country (sic!) Track 'A Broadcast'.

Touche Amore Photo by George Clarke

Touche Amore Photo by George Clarke

TOUCHE AMORE verstehen es, unglaublich intensive Songs zu schreiben und das abwechslungsreichste Album ihrer Karriere aufzunehmen. Vielleicht fehlt manchmal etwas die akustische Wut, aber was auf "Lament" passiert, passt perfekt in diese komische Zeit und kann der Soundtrack des Corona-Jahres sein. Um die Eingangsfrage zu beantworten: Es gibt ihm großartig.

Album-VÖ: 09.10.2020