Das Alternative-Rock Trio FORKUPINES bewies bereits mit dem 2017er-Debütalbum "Here, Away From", dass man für hymnischen Refrains mit Arena-Format nicht ins Ausland schweifen muss. Auch bei uns konnten die Braunschweiger mit ihrem Debüt einige Blitze einfahren, wie man hier nochmals nachlesen kann:

FORKUPINES – Away, From Here

Am 23. Oktober 2020 veröffentlicht die Band mit "Islands" das Nachfolge-Album, auf dem sie ihre Formel aus druckvollen Gitarren und melodischen Hooks perfektioniert haben. Wir hatten die Gelegenheit mit Sänger Simon über die Veröffentlichung des Albums und eine Band im Pandemiemodus zu sprechen.

Gestromt: Hallo Simon. Kennst Du den Film oder das Buch „About a Boy“?

Simon Skott: Kennen im Sinne, davon gehört. Aber nie gelesen oder gesehen.

Gestromt: Das ist schade. Der Film (oder das Buch) bemüht ebenfalls diesen Vergleich zwischen einer Person mit einer Insel. Das ist ja auch ein ganz zentrales Motiv auf eurer neuen Platte. In dem Film vergleicht sich Hugh Grant als ewiger Junggeselle mit IBIZA. Wenn Du eine Insel wärst, welche wäre das?

Simon: Auch wenn ich noch nie da war und die Antwort auch sehr redundant wäre, vermutlich Island. Es ist ein Land in welches ich schon immer mal reisen wollte und es steht auch ganz, ganz oben auf meiner Liste. Ich weiß gar nicht wieso, aber das Land reizt mich einfach sehr. Ich fühle daran irgendwas. Vielleicht ist es diese Mischung aus nicht super viele Einwohner und diese beeindruckende Natur auf der anderen Seite. Du hast mit Reykjavik ein sehr konzentriertes Zentrum und drumherum eine solch vielfältige Natur, welche man aber auch in wenigen Tagen komplett bereisen kann. Es reizt mich einfach tierisch. Und bei allem was ich bisher gesehen und gehört habe, stelle ich mir das Land wunderschön vor.

Gestromt: „ISLANDS“ ist euer zweiter Longplayer. Mit Blick auf das Ergebnis, wo würdest Du die größten Unterschiede zu eurem Debüt sehen?

Simon: Der größte Unterschied besteht darin, dass wir die Sache dieses Mal anders angehen konnten. Beim ersten Album haben wir einfach Songs geschrieben und über einen unbestimmten Zeitraum gesammelt. Eigentlich genau wie bei unseren EPs. Plötzlich haben wir dann aber festgestellt, Hey, das sind ja ausreichend Tracks um ein Album zu veröffentlichen. Bei „Islands“ hingegen war relativ früh klar, dass das Ganze auf ein Album hinauslaufen wird. Im Schreibprozess, als die ersten zwei, drei Songs komplett fertig waren, haben wir das für uns beschlossen. So haben dann die ersten fertigen Tracks die Richtung bestimmt, sowohl musikalisch als auch lyrisch. Eine Thematik an der wir uns langhangeln konnten war somit vorgegeben, aber man kann es jetzt auch nicht als Konzeptalbum verstehen. Zudem haben wir uns mehr getraut mit Sachen zu experimentieren, die wir vielleicht vorher noch nicht gemacht haben. Zwar nicht im extremen Sinne, wir sind jetzt nicht eine EDM-lastige-Rap-Metal-Band geworden, aber unsere kleine musikalische Bubble, in welcher wir uns selbst sehen, haben wir geöffnet. Unser eigener Musikgeschmack war da ein deutlicher Einflussgeber. Und wir Bandmitglieder hören untereinander auch ganz verschiedene Musik, auch vieles außerhalb des Alternative Bereichs. Und so probieren wir deutlich mehr mit Dynamiken, elektronischen Sounds oder ganz anderen Tempis oder Emotionen zu arbeiten.

Gestromt: Welche Tracks waren denn letztendlich die Impulsgeber von „ISLANDS“?

Simon: Ganz klar. 'Roads' und 'Waves' die ersten beiden Singles.

Gestromt: Nach drei Hördurchgängen zähle ich insbesondere 'Lie To My Face' zu meinen Favoriten.

Simon: Witzigerweise was das war einer der letzten Tracks die fertig waren.

Gestromt: 'Roads' und 'Waves' erschienen zeitlich ja deutlich vor dem Album. Wolltet ihr die Songs unmittelbar raushauen, als sie fertig waren oder steckte dahinter ein anderer Plan?

Simon: Das war eine pragmatische Entscheidung, weil wir das Album in zwei Zyklen aufgenommen haben. Die erste Studiosession war bereits im September 2019 und wir konnten damals mit sechs Songs die halbe Platte fertig machen. Im März und April 2020 konnten wir dann das zweite Mal ins Studio. Die Sessions haben sich aber gar nicht groß unterschieden. Wir waren im gleichen Studio, mit den gleichen Leuten, usw. Nur wir hatten halt etwas früher schon fertiges Material. Und da haben wir uns einfach entschieden schon früher etwas zu veröffentlichen. So konnte man schließlich auch die Zeit zwischen den Veröffentlichungen der Alben etwas aufpeppen. Dieses alte Muster, man kündigt eine schon fertige Platte an, veröffentlicht die erste Single, dann das Album, dann die zweite Single, das gibt es ja ohnehin nicht mehr.

Gestromt: Du hast bereits die Leute angesprochen die mit euch an der Platte gearbeitet haben. Für das Mastering und den Mix zeichnet sich niemand geringeres als Ex-Defeater Frontmann Jay Maas verantwortlich. Wie kam es zu diesem Kontakt?

Simon: Zu dem Kontakt kam es eigentlich ganz einfach. Wir haben vorher überlegt wer denn das Album mischen und und mastern soll. Ich habe dann einfach angefangen ein paar Leute per Mail anzuschreiben und von Jay kam dann recht schnell die Antwort: „Habe ich Bock drauf. Ich bin dabei“. Wir haben dann noch Referenzen gehört, er hat uns ein Testmix gemacht und so haben wir schnell zueinander gefunden. Kein Hexenwerk also. Und wir sind ohnehin Fans seiner Arbeit.

Gestromt: Wie planen FORKUPINES die nächsten Wochen rund um die Veröffentlichung von "ISLANDS"?

Simon: Wir konnten eine Show in Bonn beim CROSSROADS FESTIVAL des WDR-Rockpalast spielen. Das war natürlich ein absoluter Glückgriff für uns. Gerade in diesem Zeitraum. Das war allerdings nicht geplant, sondern wir sind ganz kurzfristig eingesprungen für eine abgesagte Band. Dann haben wir im Sommer eine Live-Session im Jugendzentrum B58 aufgezeichnet, welche wir jetzt veröffentlichen konnten. Dann gab es noch eine T-Shirt Aktion für die Kneipe Klaue in Braunschweig. Die haben überhaupt keine Einnahmen seit März und können auch aufgrund ihrer geringen Größe kein Hygienekonzept  fahren. Und dann wird noch etwas Online-Content zum Album erscheinen. Wenn Tourneen, Konzerte und dergleichen wegfallen, dann musst Du dich halt auf andere Dinge konzentrieren. Man schaut dann halt was es für andere Konzepte geben kann oder ob Du vielleicht ein oder zwei Musikvideos mehr drehst, die eigentlich nicht geplant waren. Und dann bleibt natürlich auch eine Menge Zeit zum Proben.

Gestromt: Der Gig beim CROSSROADS FESTIVAL vom WDR-Rockpalast war sicherlich besonders. Wie war es denn dort so?

Simon: Das war in erster Linie sehr aufregend. Vor allem für eine Band in unserer Größenordnung. Wir hatten noch nie eine Fernsehproduktion. Natürlich haben wir schon Musikvideos gedreht oder Live-Sessions gespielt, dass eine Kamera auf uns gehalten wird ist also nichts Unnatürliches, aber eine WDR-Produktion ist nochmal eine völlig andere Nummer. Einfach aufregend, anstrengend und sehr, sehr schön. Das Team war super professionell, man hat sich toll um uns gekümmert. Vor allem war es sehr schön mal wieder ein Konzert vor Menschen zu spielen. Das Crossroads FESTIVAL fand ja in der Harmonie in Bonn statt und durfte dank Hygienekonzept auch einen kleinen Teil Zuschauer reinlassen. Im letzten halben Jahr konnten wir natürlich keine Konzerte spielen, von daher war uns das sehr viel wert, endlich mal wieder ein Konzert zu spielen. Es hat sich dann auch sehr gut angefühlt und in manchen Momenten dann aber doch sehr fremd, denn es ist eben immer noch alles anders zurzeit. Das ist auch okay so, aber man muss sich daran erst einmal justieren. Nicht nur an den Fernsehkameras, sondern auch daran, dass da Leute sitzen.

Gestromt: Wenn das Jahr 2020 etwas hervorgebracht hat, dann waren es besondere Konzertformate. Autokino-Konzerte, Picknick-Konzerte, bestuhlte Konzerte, etc. hast Du irgendwas von solchen Veranstaltungen besucht?

Simon: Ich habe einige Open-Air-Konzerte besucht die bestuhlt waren und mit Abstand. Das waren dann hauptsächlich hier in der Region Konzerte befreundeter Bands und Songwriter. Im Autokino war ich auch einmal, aber für Konzerte kann ich mir das nur schwierig vorstellen. Als Veranstaltungskaufmann sehe ich das aber auch noch aus anderen Perspektiven. Zum einen sehe ich wie unwirtschaftlich solche Konzerte zum großen Teil sind, aber zum anderen verstehe ich auch dennoch den Sinn und Zweck einer solchen Veranstaltung. Aus der Perspektive des Künstlers sieht das schon wieder anders aus. Autokonzerte? Ist das etwas was ich überhaupt will? Bestuhlte Konzerte in einem besonderen Rahmen sind da wieder etwas anderes. Dennoch muss man da als Künstler über seinen eigenen Schatten springen. Aber wenn Du erst mal auf der Bühne stehst, dann verflüchtigt sich das zwischendurch auch wieder, irgendwann bist Du drin. Und irgendwann auch die Leute im Publikum. Auch wenn die nicht singen und tanzen dürfen. Du bekommst dennoch eine Reaktion von den Leuten. Und was man vor allem sieht, die Leute waren lange nicht auf Konzerten und haben dementsprechend große Lust auf Veranstaltungen. Das ist vielleicht auch etwas positives, was man der ganzen Situation entnehmen darf: Man sieht in den Gesichtern der Leute wieder eine Faszination für Konzerte. Vor einiger Zeit hatten wir vielleicht eine Übersättigung mit Konzerten, da waren die Leute einfach nur da. Inzwischen erleben Sie das wieder wesentlich bewusster und Konzerte haben wieder einen ganz anderen Stellenwert bekommen.

Gestromt: Du hast die nicht wirtschaftliche Seite solcher Konzertformate angesprochen. das macht Aktionen wie „ALARMSTUFE ROT“ (Maßnahmen zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft) absolut notwendig. Wenn Du jetzt persönlich mit Olaf Scholz reden könntest. Hättest Du Vorschläge, Maßnahmen, Forderungen?

Simon: Das Einzige was mich an der Thematik stört, ist das nicht immer mit gleichem Maß gemessen wird. Nicht in allen Branchen, nicht in allen Lebenslagen, das ist das was ich daran schwierig finde. Ich stehe zu 100% hinter all den ganzen Schutzmaßnahmen und Verordnungen. Ich glaube das ist gut und wichtig. Ich glaube auch das Deutschland, im März und April, im Vergleich zu vielen anderen Ländern, sehr gut mit der Situation umgegangen ist. Das ist etwas das wir uns erhalten müssen. Bezogen auf die Kulturbranche würde ich mir jedoch wünschen, dass hier ein gleiches Maß angelegt wird. Schau Dir mal an wie die Tourismusbranche, die Gastronomie oder der Einzelhandel bemessen wird. Uns Kulturschaffenden ist die Lebensgrundlage entzogen und deshalb muss bei den Soforthilfen dringend ein anderes Konzept entwickelt werden. Die Solo-Selbständigen werden da deutlich benachteiligt. Mit den Soforthilfen müssen halt auch Sachen wie Miete oder Essen gedeckt werden dürfen. Das war das große Problem zu Anfang der Pandemie. Ausgeschüttete Soforthilfen mussten recht bald wieder zurückgezahlt werden, da davon beispielsweise keine Mieten bezahlt werden durften. Aber andere Ausgaben hat ein Künstler momentan ja gar nicht.

Gestromt: Für den 13.02.2021 ist eure Release-Show in BRAUNSCHWEIG im B58 geplant. Plant ihr für das Jahr 2021 bereits weitere Konzerte, eine Tour, etc. Oder ist das in der momentanen Phase gar nicht möglich?

Simon: Hinter der Release-Show steht natürlich noch ein sehr großes Fragezeichen. Darüber hinaus haben wir im Februar und März 2021 bereits einige Konzerte im Hintergrund geplant. Haben sie aber aufgrund der unsicheren Situation auch noch gar nicht öffentlich gemacht. Wir sind natürlich im Kontakt mit den Veranstaltern und Clubs wo wir gebucht sind. Aber es steht halt in den Sternen. Man kann auch jetzt noch nicht wissen was überhaupt möglich ist, mit Hygienekonzepten und ähnlichem. Die Clubs die wir spielen sind ja auch nicht sonderlich groß, so dass es auch mit entsprechenden Maßnahmen sehr schwierig werden kann. Wir updaten uns da regelmäßig mit den Veranstaltern und irgendwann muss dann halt eine Entscheidung getroffen werden. Verschieben oder Absagen. Ansonsten konzentriert man sich dann schon wieder auf neues Material. Und das ist auch das absurde in der jetzigen Situation, unsere neue Platte ist noch nicht einmal veröffentlicht und wir sitzen jetzt schon an den Ideen zur Folgeplatte. Man fängt wieder an kreativ zu werden, man fängt wieder an Songs zu schreiben. Aber das ist ein Vorgehen wie ich es momentan bei vielen befreundeten Bands und Künstlern wahrnehme.