(Season Of Mist / Soulfood)

Wenn man wie SÓLSTAFIR schon 25 Jahre im Musikbusiness unterwegs ist und es jederzeit geschafft hat, spannende, weil immer anders klingende Platten zu veröffentlichen, wird es Zeit dieser Band tiefen Respekt zu zollen. Was haben sie nicht schon alles ausprobiert - Black-Metal, Shoegaze, Post-Rock - manchmal für sich stehend, manchmal alles in einem Song.

SÓLSTAFIR sind weit davon weg, klischeebehaftete Songs zu schreiben - selbst die Idee von Intro, Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, Refrain scheint keine Freude bei den Isländern auszulösen. Deswegen lassen sie ihre Kompositionen fließen und bannen damit kleine Meisterwerke auf den Tonträger deiner Wahl. Überwiegend wird auch in der Landessprache gesungen, gelitten und eskaliert, so dass der Reiz des Exotischen durchgehend erhalten bleibt. Hört man sich Platten von  SÓLSTAFIR an, werden alle Sinne geschärft und die Emotionen laufen Amok.

Mit ihrem siebten Studioalbum "Endless Twilight Of Codependent Love" ist das isländische Quartett thematisch ausgewogen und mutig. Es geht zum einen um die spirituelle Verbindung zur Natur, aber auch um psychische Themen wie Depressionen. Zudem sind Alkoholismus und das (leider) immer noch herrschende Vorurteil, dass Männer keinerlei Schwäche zeigen dürfen - v.a. nicht in einer Welt, die durch Egoismus und populistische Schwanzvergleiche geprägt ist. Schwieriges Terrain, welches SÓLSTAFIR mit einem beeindruckenden Post-Metal-Soundtrack präsentieren.

Mit 'Akkeri' bricht die Band gleich zu Beginn die 10-Minuten-Schallmauer und bringen Black-Metal-Wirbelstürme mit sphärischen Klängen zusammen, als wenn es das Selbstverständlichste der Welt ist. Mindfuck galore! "Drýsill" im direkten Anschluss hat dagegen fast schon straighte Strukturen, die mit dem gefühlsbetonten Gesang punkten und erste Gänsehaut-Schübe provozieren. Das Schöne an SÓLSTAFIR ist, dass ihre Musik durchaus auch rein instrumental funktionieren würde, aufgrund des Gesangs aber ein Alleinstellungsmerkmal inne hat, welches sich natürlich nochmals potenziert, weil die isländische Sprache außergewöhnlich mystisch im mitteleuropäischen Ohr klingt.

'Dionysus' ist der erste durchgehend aggressive Brecher auf "Endless Twilight Of Codependent Love" und zeigt, zu was die Band in der Lage ist. Hier kommen leichte Death-Metal-Elemente zum Tragen, die den Song über fünfeinhalb Minuten anspornen. Mit dem zurückgelehnten, fast schon entspannenden 'Til Moldar' werden die aufgehitzten Gemüter wieder runtergekühlt. 'Alda Syndanna' fällt deswegen so aus dem Gesamtrahmen, weil man hier fast schon von einem routinierten Song sprechen kann, der einen feinen Grunge-Vibe mitbringt und als kleiner Hit(-Tipp) gelten kann.

'Úlfur' beendet den offiziellen Teil instrumental - ein mächtiges Bergmassiv, welches sich stetig bewegt und droht einzustürzen. So viel Dynamik in so wenigen Minuten. SÓLSTAFIR wissen, wie eine Spannungskurve aufgebaut werden muss, damit der Hörer quasi an seinen Kopfhörern klebt. Wenn Ihr die Möglichkeit habt, das Vinyl oder die limitierte CD-Deluxe-Digibox zu ergattern, erwarten Euch noch zwei Lieder namens 'Hrollkalda Þoka Einmanaleikans' und 'Hann For Sjalfur'. Somit würdet ihr fast anderthalb Stunden feinsten Post-Metal serviert bekommen.

Album-VÖ: 06.11.2020