(Boreas)

Die Wuppertaler von BOREAS vereinen auf ihrer Debüt-EP verschiedenste Strömungen des Emorocks und Alternativesounds. Dabei nehmen sie politisch kein Blatt vor den Mund, und treffen eine scheinheilige Gesellschaft genau dort wo es wehtut – mitten im Mark.

Zu Beginn gibt es einen musikalischen Prolog, dessen Motiv sich im Folge-Track, 'Kehrseite', direkt wiederfindet. Der Punkrocker wird textlich sehr deutlich und legt den Finger in die Wunde einer bürgerlichen Gesellschaft, deren Ausländer-Ressentiments unter der Oberfläche köcheln und in geheimen Whatsapp-Gruppen ausgelebt werden. Alleine diese Tatsache zeigt, wie wichtig Kunst und Kultur in der heutigen Zeit sein muss. Lyrisch spielt das hier in einer Liga mit den größten Punkrockern des Landes, denn Formulierungen wie "Frau Müller hilfst du mit den Einkaufstüten lieber als Frau Özen/Du weißt, dass sie Probleme hat, doch sie allein soll's lösen." würde ich auch den Ärzten zutrauen. Den Gesang von Sänger Chris Geiß würde ich mir jedoch deutlich wütender wünschen. Und genau damit haben wir die Achillesverse von BOREAS aufgetan. Die verständliche Wut und Empörung hätten sich gerne noch etwas eindrücklicher entladen dürfen. Dennoch lohnt sich ein Blick auf das Visual Video der Single, welches BOREAS beim Mahnmal zum Nazi-Brandanschlag von 1993 in Solingen gedreht haben. Es folgte eine kleine antifaschistische Social-Media-Kampagne daraus:

Das folgende 'Kontrast' funktioniert auf musikalischer Ebene einwandfrei, aber auch hier versteckt sich die Wut und Empörung zwischen den klug gewählten Worten. Der einsetzende Backing-Gesang vermittelt gar ein Gefühl von Freundlichkeit. Bewegte man sich mit den ersten beiden Nummern im Dunstkreis deutscher Punk und Postrockgrößen wie Fjort oder Leitkegel, so klingt 'Monster' doch deutlich anders. Die Nummer setzt sich bei Indierockern wie den Arctic Monkeys oder den Hives auf die Schultern. Damit sticht die Nummer deutlich heraus und beweist eine gewisse Vielseitigkeit, die man der Band ruhigen Gewissens als Pluspunkt auslegen darf. Mit 'Impuls' folgt die Debüt-Single der Wuppertaler, dessen intensives Video mit der Metapher des Ertrinkens arbeitet:

Eine Geschichte von Depression und einem aufkeimenden Hoffnungsschimmer, der durch ein markerschütterndes Screamo-Finale samt Breakdown ihren Höhepunkt erreicht: "Das ist das Opium, das du still verlangst/Damit du den scheiß hier ertragen kannst/Die Hoffnung, die dir zu helfen schwört/Und dir immer zeigt, dass es besser wird." Alle Einnahmen des Songs spendet die Band an die Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Der Closer 'Regress' zeigt mit seinem hörenswerten Instrumental-Part nochmal wunderbar die jetzt schon ausgeprägten Stärken von BOREAS auf. Auch textlich bewegen sich die Jungs auf "Dunkelbunt" stets auf der guten Seite. Wenn sie es nun noch schaffen ihre kontrollierte Wut zum explodieren zu bringen, dann würde ich gerne mehr von den Jungs hören. So wirken sie noch etwas zahm.

Der Song für die Playlist/das Mixtape: 'Impuls'

EP-VÖ: 02.10.2020