(Unter Schafen/Alive)

Die Musiker von BLACKMAIL haben sich genau das richtige Jahr für ihre umfassende Werkschau ausgesucht. Wenn kulturell schon vieles still steht, hat man ausreichend Zeit für einen Blick zurück. Nachdem im April neben der Werkschau bereits zwei Alben auf Vinyl neu aufgelegt wurden, folgen nun mit "Aerial View" und "Tempo Tempo" die nächsten Re-Issues der schon lange nicht mehr erhältlichen Platten.

Beide Platten erscheinen als 180 Gramm Re-Issue, limitiert auf 500 Stück in farbigem Vinyl inklusive CD-Beilage. Da kann man nicht meckern. Auch wenn sich der geneigte Fan vielleicht den ein oder anderen Bonus-Track (mehr), raren Song oder ein sonstiges Special gewünscht hätte. Das wäre in meinen Ohren gar kontraproduktiv gewesen, denn auch 15 bzw. 12 Jahre später bestechen die beiden Alben durch einen in sich geschlossenen, perfekt ausarangierten Sound, der die Werke auch heute noch sehr gut hörbar erscheinen lässt. Langzeittest bestanden.

AERIAL VIEW

"Aerial View" ist das fünfte Album in der Discographie der Koblenzer Band. Es gelingt ihnen hier wie nie zuvor die einzelnen Elemente ihrer musikalischen Seitenprojekte zu einem stimmigen ganzen zusammenzufügen. Die Dynamik von Scumbucket oder die Melodiebeflissenheit von Ken finden sich hier in einer befruchtenden Symbiose wieder. Somit ist es nicht verwunderlich, dass das Album eine ganze Reihe von Hits abwirft, die bis heute vielleicht etwas in Vergessenheit geraten sind, sich jedoch bei weitem noch nicht abgenutzt haben. Das wunderbare 'Moonpigs', mit seinem mehrstimmigen Gesang, hat noch kein Gramm Fett an den Hüften angesetzt und könnte vermutlich auch heute noch den Indie-Dancefloor füllen.

Die Keys in 'Splinter' bergen immer noch Ohrwurmpotential und die zarten Posaunenklänge in 'Couldn't care less' lassen einen den Volume-Regler bis zum Anschlag aufdrehen. Glücklicherweise beinhaltet die Reissue Version auch 'Today', welcher vor 15 Jahren lediglich Teil der limitierten Erstauflage von "Aerial View" war. Unverständlicherweise, denn 'Today' vereint alle Stärken dieser Ausnahmeband in einem Song.

TEMPO TEMPO

Das sechste Studioalbum von BLACKMAIL sollte die letzte Zusammenarbeit mit Sänger Aydo Abay sein. Kurze Zeit später trennte man sich aufgrund künstlerischer Differenzen. Die sich anbahnende Spannung kann man "Tempo Tempo" allerdings nicht anhören. Auch dieses Album funktioniert zwölf Jahre später noch wunderbar und ist das Zeugnis einer Band die sich ihrer Fähigkeiten mehr als Bewusst ist. Auch wenn das Album im Vergleich zum Vorgänger deutlich weniger Hits abgeworfen hat, einige Evergreens die in jede „This Is BLACKMAIL“-Playlist gehören finden sich auch hier. '(Feel it) Day by Day' ist einer dieser wunderbaren Tracks, die ganz unverhoffte Haken schlagen aber dennoch unverschämt eingängig klingen.

Weitere Fixpunkte dürften sicherlich das einleitende 'False Medication' oder das fast schon epische 'It’s always a fuse to live at full blast' darstellen.

Unter den BLACKMAIL Fans zählt "Tempo Tempo" sicherlich nicht zu den Herzensalben. Dennoch liefern die Koblenzer souverän ab und erschaffen mit der Wiederveröffentlichung ein tolles Zeitdokument. So konnte Indierock aus Deutschland im Jahre 2008 klingen. Das Jahr in dem Ich+Ich die Charts gewonnen haben.

Der Song für die Playlist/das Mixtape: 'Moonpigs' ("Ariel View") und '(Feel it) Day by Day' ("Tempo Tempo")

Album-VÖ: 20.11.2020