(Pure Noise Records)

Fünf lange Jahre haben uns RED CITY RADIO auf die Folter gespannt (die 2018er-EP "Skytigers" wurde nicht vergessen) und wollen uns kurz vor Jahresende doch noch mit ihrem vierten Album "Paradise" beglücken. Die erwähnte EP hat den Sound von RED CITY RADIO in eine andere, poppige Ausrichtung verschoben und das neue Album knüpft an diese (nicht geringe) Veränderung an.

Die imposante Eröffnung 'Where Does The Time Go' hat mich persönlich erst beim vierten oder fünften Mal Anhören abgeholt. Der Songtitel wird immerzu wiederholt, wobei sich nach und nach eine massive Wall-Of-Sound aufbaut, die die Qualität des "Black Everything"-Album von Apologies, I Have None inne hat. Danach wird der Zuhörer in die Perfektion geworfen, die RED CITY RADIO als neuen Style ausgerufen haben. Bereits 'Baby Of The Year' ist mehr College-Rock als jemals zuvor. Der Song ist (wie die gesamte Platte) auf den Punkt durchkomponiert, besticht mit unglaublicher (fast schon penetranter) Eingängigkeit....und langweilt irgendwann, weil sich keine Ecken und Kanten finden lassen, an denen man sich reiben oder orientieren kann. Nächster Beweis ist 'Did You Know', der wie abgekupftert klingt, vielleicht sogar einigermaßen sympathisch ist....aber dann: "uuuhh-la-la-la"-Schunkel-Chöre, die jede Faser des Körpers zusammenziehen.

Okay, weiter im Text. 'Love A Liar' - spannender Auftakt, der die Euphorie vergangener RED CITY CITY-Glanztaten in sich trägt, dann aber im weiteren Verlauf irgendwie ziellos umherirrt, ohne groß Eindruck zu hinterlassen. 'Young, Beautiful And Broke' und '100,000 Candles' sind auch nicht viel mehr als durchschnittliche Pop-Rocker, die den Punk mal rüberblinzeln lassen, aber sich im Grunde hinter ausschweifenden Melodien verstecken.

Wo sind Songs, die dir den Punch zur rechten Zeit verpassen? Wo die großartigen Background-Chöre, die aus ohnehin starken Beard-Punk-Songs, das Besondere herauskitzeln können? Man hat den Eindruck, dass Sänger Garrett Dale träge und satt geworden ist - das man sich weiterentwickeln möchte steht nicht zur Diskussion, aber bitte nicht in die Belanglosigkeit abdriften, was RED CITY RADIO mit "Paradise" leider passieren könnte. Der Titeltrack hat dieses Feeling, was man bisher vermisst hat, kann mit 'Edmond Girls' daran anknüpfen und hat mit dem beherzten Classic-Rocker 'Doin' It For Love' sogar eine musikalische Überraschung parat. Um zum Höhepunkt 'Gutterland' zu gelangen, muss man allerdings die Unverschämtheit 'Fremont Casino' überstehen, die wie ein billiger Abklatsch von Rod Stewarts 'Sailing' klingt. Puh.

"Paradise" scheint ein Wendepunkt im Songwriting bei RED CITY RADIO zu bedeuten. Ein gewisser Grad an Perfektion hat Einzug gehalten, der den Enthusiasmus und das Feuer der ersten zehn Jahre quasi lahmlegt und im Prinzip nur noch nett abliefert. Nicht schlecht, aber auch nicht zwingend. Schade.

Album-VÖ: 04.12.2020