(Century Media)

Wenn der Hauptsongwriter kurz vor Veröffentlichung eines neuen Albums ankündigt, die Band zu verlassen, fragt man sich als Fan natürlich, was da im Zuge der Arbeiten am Album vorgefallen sein muss. Da aber sowohl Band als auch der scheidende Jonathan Hultén mittlerweile bestätigt haben, dass die Trennung absolut freundschaftlich verlaufen und nur seinem Drang nach musikalischer Neuorientierung geschuldet sei, braucht man nicht weiter zu spekulieren.

Und nach unzähligen Durchläufen in den letzten zwei Wochen kann ich nur sagen: Besser hätte er seinen Abgang zumindest songtechnisch nicht gestalten können!

Angefangen beim absolut stimmigen, mit einem wundervoll düsteren Kunstwerk von Ferdinand Khnopff beschmückten Cover, dem Albumtitel der besser nicht hätte passen können, bis hin zum atmosphärisch mystischen roten Faden der sich durch das Album zieht und mich ein ums andere Mal an die alten Gothic-Götter Fields Of The Nephilim erinnert, packt einen die Scheibe vom ersten Song an und lässt einen beim Ausklingen des letzten Songs laut nach mehr schreien.

Schon der von Gitarrist Adam Zaars stammende Opener 'In Remembrance' ist ein episches Meisterwerk. Dass der Gitarrist beim Komponieren dieses Songs an einer Stelle nicht weiterkam und ausgerechnet Robert Pehrsson (Death Breath) und Joseph Toll um Inspiration bat, muss Schicksal gewesen sein. Ist besagter Joseph Toll (u.a. Ex-Enforcer) doch mittlerweile als Nachfolger für Jonathan Hultén bei TRIBULATION bestätigt.

Photo by Ester Segarra

Der Song geht nahtlos in 'Hour of the Wolf' über, wo Hultén und Zaars einmal mehr beweisen, wie perfekt sie sich mit ihrer Gitarrenarbeit ergänzen.

Der nächste Song 'Leviathans' stellt für mich den melancholischen Höhepunkt des Albums dar. So erhaben und düster, wie es sonst nur meine Faves von Paradise Lost hinbekommen.

Weitere Highlights sind das auf Johannes Brahms 'Ungarischem Tanz Nr.5' aufbauende 'Dirge Of A Dying World', wo besonders Sänger/Bassist Johannes Andersson mit seiner Gänsehaut erzeugenden Stimme brilliert und das vom Klavierintro 'Lethe' eingeleitete 'Daughter Of The Djinn', in dem der von Hultén und Zaars in etlichen Interviews propagierte Liebe zu Iron Maiden durch göttliche Twin-Gitarren Leads gehuldigt wird.

Aber auch die Songs 'Elements', 'Inanna', 'Funeral Pyre' und das abschließende 'The Wilderness' sind düstere Meisterwerke, die dieses Album jetzt schon zu einen Anwärter auf die vorderen Plätze meiner Jahres Top Ten 2021 machen.

Es bleibt abzuwarten, ob TRIBULATION dieses Niveau in Zukunft ohne ihren Haupt-Ideengeber halten können und auch den weiteren musikalischen Werdegang von Jonathan Hultén werde ich mit Spannung weiterverfolgen. Ob sein vom schwedischen Folk inspiriertes, im letzten Jahr veröffentlichtes Debüt-Soloalbum "Chants From Another Place" die Richtung vorgibt? Wir werden es hoffentlich bald hören.

Album-VÖ: 29.01.2021