(Fat Wreck Chords)

NOFX hatten Großes vor. Ein Doppelalbum war geplant als Nachfolger für das 2016er-Werk "First Ditch Effort". Corona, Lockdown, Kontaktbeschränkungen und das Suchtverhalten (und angegangener, erfolgreich absolvierter Rehab) von Frontmann Fat Mike führten dazu, dass es "nur" ein "Single Album" wurde.

Zehn neue Songs sind auf der vierzehnten Platte enthalten. Und obwohl alle Trademarks eines NOFX-Albums vorhanden und diese aufgrund ihres Stils sofort erkennbar sind, ist irgendwas anders als sonst. Noch Ernsthafter, teilweise befindlichkeitsfixierter, die nötige Portion Wut, gepaart mit musikalischen Anspruch. "Single Album" verspricht also Einiges.

Lange Punkrock-Songs können NOFX - siehe den Klassiker 'The Decline'. "Single Album" startet mit 'The Big Drag', einem fast sechsminütigen, progressiv angelegten Track, der mit verzögerter Rhythmik spielt und entgegen der typischen NOFX-Standards erst ab der Hälfte sowas wie Melodie zulässt - dann aber spektakulär die Komposition im Midtempo beendet. Fat Mike stülpt sein Innerstes nach außen und betreibt eine Art Selbsttherapie (konsequente Weiterführung seines Alter Egos Cokie The Clown).

'I Love You More Than I Hate Me' wurde bereits vor Monaten vorab veröffentlicht und entspricht dem, was man von den Kaliforniern erwarten durfte. Der Gitarrensound ist phänomenal und einzigartig im Punkrock-Zirkus und kann jederzeit der Band zugeordnet werden. Der Song an sich ist eine Variation dessen, was die Truppe seit über dreißig Jahren ausmacht. Knalliger Melodic-Punk, der immer die notwendigen Ecken und Kanten aufweist.

'Fuck Euphemism' thematisiert die Engstirnigkeit, die auch in der queeren Szene anzutreffen ist. Angepisst und ironisch verarbeitet Fat Mike in diesem Song seine Erfahrungen innerhalb der Subkultur, die sich offen und aufgeschlossen gibt, aber stumpf an klischeebehafteten Bezeichnungen und Einordnungen festhält. Ein entspannter Reggae/Ska-Song inkl. Bläsereinsatz von El Hefe darf auf einem NOFX-Album natürlich nicht fehlen, weswegen 'Fish In A Barrel Gun' nach den vorhergehenden zwei Punkrock-Granaten klug platziert die Aufmerksamkeitsspanne hoch hält.

'Birmingham' und die ironische Neuinterpretation ihres Hits 'Linoleum', der hier in 'Linewleum' umgetauft wurde, präsentieren NOFX frisch und fokussiert. Man hört den Typen einfach nicht an, dass alle im besten Alter für eine Midlife-Crises sind. Mit der Hommage 'Grieve Soto' an den verstorbenen Adolescents-Gitarristen erschafft die Band wieder einen Song, der musikalisch etwas aus dem Raster fällt. Man spürt die Traurigkeit - Fat Mike ist beileibe nicht der beste Sänger, aber gerade hier passen die schiefen Töne perfekt.

Die letzten beiden Tracks 'Doors And Fours' und 'Your Last Resort' beschliessen "Single Album" und sorgen nochmal für Erstaunen. Ähnlich wie Lagwagon auf ihrem Album "Hang" haben NOFX beim vorletzten Track den rifflastigen Heavy-Rock für sich entdeckt und nutzen dies für einen energiegeladenen Midtempo-Punkrock-Song. Der Rausschmeisser 'Your Last Resort' beginnt als leises Piano-Stück, welches nach anderthalb Minuten zu einem typischen Melodycore-Song eskaliert und die guten, alten 90er-Jahre (soundtechnisch) hervorkramt.

NOFX probieren sich weiter aus, was sie sich aufgrund ihres Standings locker erlauben können und ohnehin schon immer das gemacht haben, worauf sie Bock hatten. Keine Rücksicht auf Verluste und deswegen ist auch "Single Album" ein Fundus von klassischen NOFX-Brettern, wie auch neuen Einflüssen, an die man erst gewöhnen muss - wenn man den Zugang gefunden hat, aber nicht mehr missen möchte.

Album-VÖ: 26.02.2021